Investmentbanken
Fehler im System

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Gier ist gut – so lautete der Leitspruch von Gordon Gekko, jenem skrupellosen Investmentbanker, den Hollywoodstar Michael Douglas einst im Kinohit „Wall Street“ mit schmierigem Grinsen verkörperte. Heute, 20 Jahre und einige Finanzkrisen später, ist klar, dass Gekkos Devise genauso falsch ist wie das Lächeln des Film-Finanzhais. Gier ist schlecht für die Stabilität der Finanzmärkte, vor allem kurzfristige Gier. Und genau die wird durch die Banken und deren Bonus-System gefördert. Das heißt nicht unbedingt, dass die Geldhäuser allein für die massiven Verwerfungen an den Finanzmärkten verantwortlich sind. Aber ihr Verhalten hat die Krise verschärft und verlängert. Deshalb sollten die Banken dringend über eine Reform ihres Bonussystems nachdenken.

Zu den Merkwürdigkeiten der beiden letzten großen Finanzkrisen zählt die Tatsache, dass die Banken mit Vollgas über die Klippe rasten. Selbst als jeder wissen konnte, dass die Internetblase vor dem Platzen stand, traten die Geldhäuser Anfang dieses Jahrzehnts nicht auf die Bremse. Im vergangenen Frühjahr hatten viele Banker längst erkannt, dass einige der riskanteren Konstruktionen an den Kreditmärkten schlicht „Wahnsinn" >waren. Man könnte von erstaunlicher Weitsicht sprechen, wenn nicht genau dieselben Banker diese Geschäfte weiterbetrieben hätten, bis es zu spät war.

Das klingt verrückt? Nein, wenn man die Anreize analysiert, die die Banken setzen, dann verhalten sich ihre Angestellten durchaus rational. Das zeigt die absurde Tatsache, dass die großen Wall-Street-Häuser für 2007 im Schnitt so hohe Boni bezahlt haben wie noch nie, obwohl sie gleichzeitig viele Milliarden abschreiben mussten und einige tief in die roten Zahlen rutschten. Der jährliche Bonus ist die entscheidende Messlatte für die Leistung eines Bankers. Die Grundgehälter in der Branche sind vergleichsweise bescheiden. Aber in guten Jahren kann ein begabter Händler, Finanzierungsexperte oder Fusionsberater schnell in den siebenstelligen Bereich vorstoßen. Die Bonussysteme der meisten Banken ähneln einander. Die Institute legen in der Regel rund 50 Prozent der Gewinne zurück, um sie am Ende des Jahres an ihre Angestellten auszuschütten, den größten Teil in bar, einiges davon in Aktien. Dabei wird jeder an der Leistung der vergangenen zwölf Monate gemessen.

Hier liegt die Erklärung für den absurden Bonusrekord 2007. Viele Geldhäuser haben zwar katastrophale Monate hinter sich, die Verluste fielen aber nur in einigen wenigen Geschäftsfeldern an. In den meisten anderen Bereichen haben die Banken kräftig Geld verdient. Deshalb fürchten die Geldhäuser, dass ihnen die besten Leute weglaufen, wenn sie das Kollektiv für die Verluste einiger weniger bestrafen.

Genau hier beginnen die Probleme. Im Zentrum des Bonussystems steht die individuelle Leistung, nicht das Wohlergehen der Gesamtbank. Außerdem messen die Boni nur die Leistung der vergangenen zwölf Monate, nicht das Abschneiden über den gesamten Zyklus. Insgesamt haben die Banken damit ein „Starsystem“ der kurzfristigen Gier geschaffen, das ihre Angestellten dazu treibt, höhere Risiken einzugehen, als dem eigenen Haus und der Gesamtwirtschaft zuträglich wären. Verschärft wird das Problem durch einen weiteren Interessenkonflikt. Traditionell wurden viele Investmentbanken als Partnerschaften geführt. Die Banker, die es zum Partner brachten, profitierten am meisten, wenn es an die Verteilung der Gewinne ging, mussten in der Krise aber auch die Verluste tragen. Heute sieht die Sache anders aus. Die meisten Investmentbanken sind an der Börse notiert. Die Verluste werden vor allem von den Aktionären aufgefangen, während die Gewinnchancen der Banker noch immer fast unbegrenzt sind.

Wie lassen sich diese Konflikte lösen? Die meisten Investmentbanker würden wohl sagen, gar nicht. Zu groß ist die Angst, die besten Köpfe an die Konkurrenz zu verlieren, wenn man das Tabuthema Bonussystem anfasst. Aber die volkswirtschaftlichen Kosten und der Schaden für die einzelnen Institute sind so hoch, dass sich eine konzertierte Aktion der gesamten Branche lohnen würde.

Ziel muss es sein, die Banker dazu zu bringen, nur noch längerfristig gierig zu sein, mehr Verantwortung für die Gesamtbank zu übernehmen und für künftige Verluste geradezustehen. Eine Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen, wäre, den Anteil von Aktien und Optionen am Bonus zu erhöhen. Eine andere, vielleicht elegantere Variante wäre, in guten Jahren einen Teil der Boni einzubehalten. Laufen die Geschäfte weiter gut, würde die Reserve nach und nach ausgeschüttet. Fallen Verluste an, wird sie genutzt, um einen Teil der Verluste abzudecken.

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