INVESTMENTBANKEN
Vorerst standgehalten

Der jüngste Tag ist vorbei, und die Wall Street steht noch.
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Obwohl die amerikanischen Investmentbanken mit der Vorlage ihrer Quartalsberichte längst nicht alle Fragen der Investoren beantwortet haben, lassen sich doch drei Lehren aus den Ergebnissen ziehen. Erstens: Die Wall-Street-Häuser sollten sich künftig hüten, ihre Ergebnisse am selben Tag wie Goldman Sachs vorzulegen. Der Marktführer bleibt eine Klasse für sich. Zweitens: Die Investmentbanken haben die Finanzkrise bislang besser weggesteckt als erwartet. Und drittens: Die Hoffnung der Banker, dass damit bereits das Schlimmste überstanden sei, ähnelt dem Pfeifen im Walde. Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden.

Bevor die Banken die Hosen herunterließen, konzentrierten sich die Sorgen der Investoren auf drei Bereiche. Wie stark ist der Einbruch im Handel mit verbrieften Hypothekenanleihen und verwandten Finanzprodukten? Welche Abschreibungen sind notwendig, wenn diese strukturierten, aber illiquiden Finanzprodukte mit echten Marktpreisen bewertet werden? Und schließlich: Wie hoch sind die Wertberichtigungen bei Übernahmefinanzierungen, die Banken in Form von Kreditpaketen weitergeben?

Auf alle diese Fragen haben die Investmentbanken erste, wenn auch nicht voll befriedigende Antworten gegeben. So wissen wir jetzt, dass Lehman Brothers den Wert seiner offenen Kredite und Anleiheprodukte um 700 Mill. Dollar nach unten korrigiert hat. Morgan Stanley bezifferte die Abschreibungen auf 940 Mill. Dollar. Lehman hat allerdings einen nicht näher bezifferten Gewinn gegengerechnet.

Trotz solcher Ungereimtheiten lassen sich aus den Bilanzen einige wichtige Trends ablesen. So liegen die Wertberichtigungen für die offenen Übernahmefinanzierungen im Durchschnitt zwischen drei und sechs Prozent. Das ist schmerzlich für die Banken, aber immer noch besser als ein Wertverlust von zehn Prozent und mehr, den einige Analysten prophezeit hatten.

Einen erheblichen Einbruch haben alle Wall-Street-Häuser im Handel mit strukturierten Finanzprodukten erlitten. Nur Goldman Sachs ist es gelungen, seine Wetten mit gegen-läufigen Spekulationen so gut abzusichern, dass die Händler unterm Strich sogar ein neues Rekordergebnis erzielen konnten. Warum das Risiko-Management der Goldmänner dem der Konkurrenz derart überlegen ist, bleibt eines der am besten gehüteten Geheimnisse an der Wall Street. Insbesondere Morgan-Stanley-Chef John Mack muss sich darüber den Kopf zerbrechen. Wollte er doch dem Marktführer mit mehr Mut zum Risiko den Rang ablaufen. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Der Gewinn von Morgan brach im dritten Quartal um 17 Prozent ein.

Gezeigt hat sich außerdem, dass die Stärke der Investmentbanken in ihrer Diversifikation liegt. Insbesondere Goldman, Morgan und Lehman konnten dank ihrer internationalen Präsenz und ihres breiten Geschäftsmodells den Subprime-Schock in Amerika auffangen. Ohne einen Auslandsanteil von 53 Prozent wäre Lehman-Chef Richard Fuld heute in einer ähnlich prekären Lage wie sein Kollege James Cayne von Bear Stearns. Dessen Haus ist viel zu stark vom US-Geschäft mit verbrieften Hypothekenanleihen abhängig. Ein Handicap, das in den kommenden Mona-ten für weitere Verluste sorgen und die Eigenständigkeit von Bear Stearns in Frage stellen könnte.

Die Wall Street hat dem Sturm an den Finanzmärkten bislang standgehalten. Einige Analysten sagen bereits voraus, dass man die Ergebnisdelle in ein paar Jahren gar nicht mehr erkennen werde, zumal die US-Notenbank mit ihrer kräftigen Zinssenkung die Märkte aus der Kreditklemme befreit habe. Für eine Entwarnung ist es jedoch noch viel zu früh. So steht der Einbruch im Beratungsgeschäft mit Fusionen und Übernahmen erst noch bevor. Top-Banker rechnen mit einem Rückgang auf das Niveau von 2004. Das Verbriefungsgeschäft wird die Krise zwar überleben, die Investoren werden jedoch von einigen besonders komplexen Finanzprodukten die Finger lassen. Last, but not least: Der US-Hypothekenmarkt steht vor einer zweiten Welle von Zahlungsausfällen, wenn die flexiblen Zinsen für 2,5 Millionen Darlehensnehmer demnächst stark ansteigen. Die endgültige Bilanz der Krise steht also noch aus.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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