Investmentbanken
Zu Recht abgestraft

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Die internationalen Investmentbanken haben in den vergangenen Wochen für einen Negativrekord gesorgt. Seit Ausbruch der großen Krise an den Kapitalmärkten Mitte Juni vernichteten die fünf großen Wall-Street-Häuser Goldman Sachs, Morgan Stanley, Lehman Brothers, Merrill Lynch und Bear Stearns gemeinsam weit über 50 Milliarden Dollar an Börsenwert. Die Kursverluste liegen zwischen 15 und 23 Prozent. Am Anleihemarkt werden die noch vor wenigen Monaten so stolzen Investmentbanken wenig besser bewertet als so genannte Schrottanleihen.

Die Banken selbst glauben, dass sie zu Unrecht von den Anlegern abgestraft werden und quasi als Sündenbock für die gesamte Krise herhalten müssen. Das stimmt zum Teil – aber eben nur zum Teil. Tatsächlich muss man nicht auf das Argument „nackte Panik“ zurückgreifen, um den Ausverkauf der Branche zu erklären. Mit kühlem Kalkül kann man ohne große Probleme zu ähnlich kritischen Ergebnissen kommen.

In einem Punkt haben die Investmentbanker recht. Die Geldhäuser haben eine ganze Reihe wertvoller Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Im Gegensatz zur großen Krise 1998, als die Beinahepleite des Hedge-Fonds LTCM die Stabilität des Weltfinanzsystems bedrohte, sind die meisten Investmentbanken heute deutlich solider finanziert. Damals begingen viele Häuser den klassischen Fehler, langfristige Engagements kurzfristig zu refinanzieren. Als dann der Geldmarkt und der Markt für kurzlaufende Anleihen austrockneten, so wie zuletzt wieder, kam es schnell zu massiven Problemen. Heute verzichtet ein Großteil der Investmentbanken lieber auf ein paar zusätzliche Dollar Gewinn und zahlt höhere Zinsen für eine längerfristige Finanzierung. Das zahlt sich in turbulenten Zeiten wie jetzt aus.

Außerdem verdienen die klassischen Investmentbanken ihr Geld inzwischen nicht mehr unbedingt damit, dass sie riskante Engagements eingehen, sondern damit, dass sie riskante Anlagen am Kapitalmarkt weiterverteilen. Der Markt für sogenannte Verbriefungen erlebte in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Siegeszug. Heute muss eine Bank, die eine große Finanzierung organisiert, die Kredite nur noch wenige Wochen in ihrer Bilanz halten, danach werden sie umgepackt, in unterschiedliche Risikoklassen aufgeteilt und an Großinvestoren in aller Welt verkauft. Dadurch werden die Risiken auf sehr viele Schultern verteilt, was nicht nur den Banken nützt, sondern das Weltfinanzsystem stabiler macht – sagen die Optimisten. Tatsächlich liegt genau hier ein Problem. Ein Großteil der riskanten Tranchen der Verbriefungsgeschäfte geht mit schöner Regelmäßigkeit an Hedge-Fonds. Die bekommen einen Großteil der Kredite, mit denen sie ihre Geschäfte finanzieren, aber von denselben Investmentbanken, die die Finanzierungspakete umpacken und im Markt verteilen. Sind die Risiken damit tatsächlich aus den Bilanzen der Investmentbanken verschwunden? Oder kehren sie über den Umweg der Kredite an die Hedge-Fonds quasi durch die Hintertür zurück?

Das ist nicht das einzige Problem. Viele Investmentbanken wie Goldman Sachs haben in den vergangenen Jahren den sogenannten Eigenhandel massiv ausgebaut. Das heißt: Die Händler der Geldhäuser machen weniger Geschäfte für ihre Kunden, sondern handeln immer öfter auf eigene Rechnung und gehen mit ihrem Kapital ins Risiko. Die komplexen Strategien der Eigenhändler ähneln den Modellen der Hedge-Fonds oft zum Verwechseln.

Aber das ist noch nicht alles. Einige der größten Hedge-Fonds der Welt gehören mittlerweile Investmentbanken. An der Spitze der Rangliste stehen Goldman Sachs und JP Morgan, deren Hedge-Fonds 2006 jeweils ein Vermögen von mehr als 30 Milliarden Dollar verwalteten. Erst am vergangenen Dienstag musste Goldman kleinlaut massive Verluste bei einigen seiner großen Fonds einräumen und sie mit einer milliardenschweren Kapitalspritze stützen. Das alles klingt nicht gerade nach einer breiten und gesunden Streuung der Risiken, oder?

Es steht zu befürchten, dass die Anleger mit dem Ausverkauf der Aktien der Investmentbanken nicht übertreiben, sondern absolut rational auf das Risikoprofil der Branche reagieren.

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