Investorensuche
Opel: Zurück in die Zukunft

Die Kanzlerin liegt falsch. Angela Merkel erwartet eine „Kumulation der Entscheidungsmöglichkeiten“ bei Opel. In Wahrheit stimmt die Bundesregierung nur dem Konzept zu, das die meisten Arbeitsplätze sichert – aber nur auf den ersten Blick. Langfristige Perspektiven spielen derzeit eher eine untergeordnete Rolle.

Die Kanzlerin liegt falsch. Angela Merkel erwartet eine „Kumulation der Entscheidungsmöglichkeiten“ bei Opel. In Wahrheit stimmt die Bundesregierung nur dem Konzept zu, das die meisten Arbeitsplätze sichert – aber nur auf den ersten Blick. Langfristige Perspektiven spielen derzeit eher eine untergeordnete Rolle.

Faktisch hat die Regierung mehrere Entscheidungsvarianten bis hin zur Insolvenz. Die kommt eher zwangsläufig auf Opel zu, wenn keiner der potenziellen Investoren den Zuschlag erhält. Immerhin wird ein Insolvenzverfahren inzwischen von Teilen der Regierung als akzeptabel betrachtet. Das ist gut so. Denn niemand kann vorhersagen, wie sich General Motors am Ende entscheidet. Und niemand kann voraussagen, ob die Insolvenz nicht am Ende mehr Jobs sichert als ein Investor aus Italien.

Geschickt wird neuerdings das gewichtige Arbeitsplatzargument mit dem des sorgsamen Steuerverwalters verknüpft. Dabei haben die Politiker selbst die Opel-Interessenten zur Selbstbedienung eingeladen. Jetzt, da Forderungen bis zu sieben Milliarden Euro Bürgschaften auf dem Tisch liegen, merken sie, was sie angerichtet haben.

Opels Retter konzentrieren sich zu sehr auf Jobs und Geld. Und übersehen dabei, wie sehr sie Industriepolitik betreiben. Milliardenschwere Bürgschaften verzerren den Wettbewerb. Wer Opel erhält, vernichtet bei anderen Autobauern Arbeitsplätze. Die Branche leidet nicht erst seit gestern an Überkapazitäten von 20 und mehr Prozent. Hinzu kommt: Wer Opel am Leben erhält, bremst andere, vielleicht innovativere Konkurrenz aus. Das ist die bittere Wahrheit einer politischen Hilfsaktion, die inzwischen daherkommt, als sei sie das Natürlichste von der Welt. Ist sie aber nicht.

Auch die Entscheidung zwischen Fiat und Magna auf das Arbeitsplatz- und Bürgschaftsargument zu reduzieren ist gefährlich. Denn die Bieter verfolgen zwei völlig unterschiedliche Konzepte – mit weitreichenden Folgen. Fiat setzt auf eine eher traditionelle Strategie. Zwei große europäische Autonamen sollen zu einem noch größeren Ganzen verschmolzen werden. Ein Rezept von gestern.

Der Zulieferer Magna dagegen will mit Opel automobile Kompetenz einkaufen. Nicht der Erhalt der Marke ist das eigentliche Ziel, sondern der Aufbau eines Konzerns, der flexibel Autos für jeden Auftraggeber bauen kann – natürlich auch für Opel. Magna baut an der Fabrik der Zukunft. Daran sollte auch die Bundesregierung bauen, wenn sie – wie angekündigt – in wenigen Tagen eine Vorentscheidung trifft. Eigentlich ist Opel nicht zu halten. Wenn überhaupt Staatshilfe, dann muss sie den traditionsreichen Autohersteller zurück in die Zukunft führen.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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