Irak
Analyse: Der neue Krieg

Mit dem Anschlag auf die Uno-Vertretung in Bagdad wird eines überdeutlich: Unter jenen, die im Irak gegen die Besatzung ankämpfen, wollen viele gar nicht allzu sehr unterscheiden, wen sie gerade mit ihren Aktionen treffen – ob es sich nun um Amerikaner handelt, um Briten oder um die im Irak mindestens neutral zu nennende Uno.

Mit dem Anschlag auf die Uno-Vertretung in Bagdad wird eines überdeutlich: Unter jenen, die im Irak gegen die Besatzung ankämpfen, wollen viele gar nicht allzu sehr unterscheiden, wen sie gerade mit ihren Aktionen treffen – ob es sich nun um Amerikaner handelt, um Briten oder um die im Irak mindestens neutral zu nennende Uno. Ihnen geht es um alle Fremden. Das Canal-Hotel, in dem viele Uno- und Nicht-Regierungsorganisationen einquartiert sind, war für sie ein gutes Ziel, weil es offenbar nur schwach geschützt war. Dass damit ausgerechnet jene getroffen wurden, die sich im Irak am wenigsten als Besatzer aufspielen, ist aus Sicht der Attentäter unerheblich.

Deshalb bezeichnet der Anschlag eine neue Qualität in dem eskalierenden Konflikt im Nachkriegsirak. Es geht nicht mehr allein darum, Reste der Saddam-Anhänger, Reste der Baath-Partei oder ein paar wenige radikalisierte Islamisten ausfindig zu machen und zu entwaffnen. Es geht inzwischen um viel mehr: um den gesamten amerikanischen Ansatz, wie ein erobertes Land verwaltet und neu ausgerichtet werden kann. Doch die Stunde null ist längst vorbei, die Fehler der US-Administration sind nicht mehr rückgängig zu machen, sie können bestenfalls teuer korrigiert werden. Wenn man das denn will.

Wer sich allein die Ereignisse der vergangenen Tage vergegenwärtigt, konnte ahnen, was auf die Besatzer zukommen musste. Da werden Wasserleitungen mutwillig zerstört, Ölpipelines sabotiert und regelmäßig Anschläge auf amerikanische, zuweilen auch britische Militärverbände verübt. Sieben Millionen Dollar, so rechnete der Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, kürzlich vor, gingen dem Land durch die Sabotageakte täglich verloren.

Für den kriegsgeschüttelten Irak kommt dies einer gekappten Lebensader gleich. Wer sauberes Trinkwasser in einem Land verderben lässt, in dem die Kinder an Infektionskrankheiten sterben, weil genau dieses Wasser viel zu spärlich fließt, will den allgemeinen Aufstand schüren. Jahrelang war von Saddam Hussein der Hass auf Amerika gepflegt worden. Und das Nichtfunktionieren des Landes gibt diesem Hass einen Anlass, sich zu entfalten. Auch wenn eigentlich ganz andere Kräfte für die Eskalation verantwortlich sind.

Neben den alten Kadern der Saddam-Zeit finden immer neue Gruppierungen Zulauf. Da gibt es etwa die Truppe des schiitischen Scheichs Sadr, der in der Stadt Kufa südlich Bagdads zur Bildung einer Imam-Armee aufgerufen hat. Sein Ziel: die Vertreibung von Amerikanern und Briten. Oder die „Armee Mohammeds“, die sich zahlreiche Anschläge auf ihre Fahnen schreibt und bereits über 5 000 Mitglieder verfügen soll. In einem Interview mit „Newsweek“ plauderte einer von ihnen kürzlich ganz offen über den großen Kreis der Sympathisanten, der die Kämpfer für Mohammed trage. Nahezu überall im Irak fänden sie bei der Bevölkerung Unterschlupf, keiner verrate sie. Warum? Weil sie mit ihren Anschlägen einem allgemeinen Gefühl entsprächen: Es ist gut, dass Saddam von der Macht vertrieben wurde. Aber es ist schlecht, dass nun die Amerikaner an seiner Stelle stehen.

Diese Stimmung mussten die Amerikaner kennen, denn sie existierte von Anfang an – schon lange vor dem Krieg. Eine Konsequenz daraus hätte die schnelle Bildung einer Übergangsregierung sein müssen. Wenn die Entscheidung über einen Angriff auf den Irak tatsächlich bereits kurz nach dem 11. September 2001 feststand, dann hatten die USA viele Monate Zeit, eine solche Interimsadministration vorzubereiten. Doch der bunte Haufen der Exiliraker zeichnete ein Bild von der Lage im Irak, das nicht der Realität entsprach – und in Washington glaubte man es gerne. Genauso wenig wie die Schiiten im Süden des Landes die Briten mit offenen Armen empfingen, reagierten die Sunniten im Zentrum mit Freude auf die Ankunft der neuen Herren. Dennoch wurde erst vor rund drei Wochen – und damit viel zu spät – endlich ein Übergangsrat gebildet.

Fehler Nummer zwei: Statt dann wenigstens mit einer handlungsfähigen Militäradministration das Land zu verwalten, tauchten die Amerikaner ab. Wochen- und monatelang hatten Ministerien und Staatsbetriebe keinerlei Kontakt zu der Zivilverwaltung. Das Land, das nach 13 Jahren Embargo und Krieg wirtschaftlich am Ende war, erlitt den endgültigen Kollaps. Doch die USA reagierten darauf mit Wegschauen.

Schließlich drittens: Washington unterschätzte massiv den Sicherheitsaspekt. Wer auch immer das Land wieder aufbauen soll, und nur das kann das Ziel der USA sein, wird es meiden wie die Pest, so lange man als Ausländer an jeder Ecke zur Zielscheibe werden kann. Doch statt die Zahl vor allem heimischer Polizeikräfte zu erhöhen, bauten die USA ihre Präsenz ab - ein Kardinalfehler, wie sich zeigt. Die Fehler der USA sind nicht mehr rückgängig zu machen, sie können nur teuer korrigiert werden.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
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