Irak
Außer Kontrolle

Es gibt keine Sicherheit im Irak. Wer dachte, bestimmte Regionen des Landes blieben von der Welle der Gewalt weitgehend verschont, sieht sich getäuscht. Die blutigen Selbstmordattentate im kurdischen Norden lieferten den Beweis.

Es gibt keine Sicherheit im Irak. Wer dachte, bestimmte Regionen des Landes blieben von der Welle der Gewalt weitgehend verschont, sieht sich getäuscht. Die blutigen Selbstmordattentate im kurdischen Norden lieferten den Beweis. Die Zahl der Anschläge mag im so genannten sunnitischen Dreieck, in Falludscha oder Tikrit, in Bagdad oder Ramadi, größer sein. Doch Kriegszone ist das gesamte Land.

Eine Vielzahl terroristischer Gruppen verfolgt inzwischen eine Vielzahl von politischen und religiösen Interessen. Kaum lässt sich noch ausmachen, welche Motive die verschiedenen Anschläge leiten. Dies betrifft auch das passive Unterstützerumfeld, ohne das die Aktionen nicht denkbar wären. Es setzt sich zusammen aus Anhängern des alten Regimes, enttäuschten ehemaligen Staatsdienern, arbeitslosen Ex-Soldaten, radikalen Islamisten. Ihnen gemeinsam sind die Unzufriedenheit mit dem Status quo und der Hass auf die Besatzung durch eine fremde Macht, insbesondere die USA. Die haben auf ihrem Weg nach Bagdad grandios unterschätzt, wie unbeliebt sie sind im Mittleren Osten.

Während sich die Besatzungsmacht immer mehr einigelt, rücken die ins Visier der Attentäter, die mit den Besatzern zusammenarbeiten und leichter zu treffen sind – Mitglieder des Regierungsrates, von den USA eingesetzte Gouverneure oder politische Organisationen. Gerade die Kurden bieten hier eine große Angriffsfläche. Der kurdische Norden war im Krieg Ausgangspunkt amerikanischer Spezialeinheiten, und bis heute kooperieren die Kurdenparteien PUK und KDP bereitwillig mit den Amerikanern.

Aussicht auf Besserung gibt es nicht. Die USA werden sich bis Mitte des Jahres zumindest als strukturprägende Kraft aus dem Irak verabschiedet haben. Die US-Zivilverwaltung wird aufgelöst, es bleiben die Soldaten. Die politischen Konflikte, die Gewalt dürften aber ungebremst weitergehen.

Dies muss man wissen, wenn man jetzt über eine Führungsrolle der Nato im Irak diskutiert. Die Mitgliedstaaten der Allianz – und damit auch Deutschland – würden sich in offenes Feindesland begeben. Wenn also die Nato in den Irak geht, dann zieht sie auch in einen Krieg. Das muss man sagen, wissen und vor allem – wollen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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