Irak
Bush in der Vietnam-Falle

Amerikaner haben erstaunlich viel Geduld. Trotz der jüngsten Eskalation am Golf glauben immer noch 57 Prozent der amerikanischen Bürger, dass der Irak-Krieg gerechtfertigt war. Die Tatsache, dass bislang keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, stört sie dabei wenig. Und auch die Vorwürfe des ehemaligen Anti- Terror-Koordinators Richard Clarke, die Regierung habe das Netzwerk El Kaida sträflich unterschätzt, sind fast gänzlich verpufft. Eine Mehrheit der Amerikaner hält den Sturz Saddam Husseins für eine gute Sache. Und dass Militäraktionen mit eigenen Verlusten einhergehen, betrachten viele als selbstverständlich: Die Opferbereitschaft ist prinzipiell hoch.

Diese Grundeinstellung hat Präsident George W. Bush bisher zu Hause den Rücken weitgehend freigehalten. Doch immer mehr Amerikanern dämmert mittlerweile, dass mit der Beseitigung Saddam Husseins die Probleme keineswegs gelöst sind. Die Zweifel an der Politik der Bush-Administration mehren sich, denn der Präsident wird zunehmend zum Opfer seines ideologielastigen Irak-Kurses. Die Pläne einer Instant-Demokratisierung auf Knopfdruck – als Modell für den gesamten Nahen Osten – erweisen sich als erschreckend naiv. Nichts klappt: Maßgebliche amerikanische Verbündete stehen an der Seitenlinie. Der irakische Regierungsrat wird von den Einheimischen als Fremdkörper angesehen. Und der amerikanische Chef-Verwalter Paul Bremer schwankt hilflos zwischen einer Politik der massiven Härte und plötzlichen Verhandlungsangeboten an die Aufständischen. Niemand im Irak ist zudem mehr sicher, wie dies die Entführungswelle gegen Ausländer und der Tod von zwei deutschen GSG-9-Beamten gezeigt hat.

Setzt sich dieses Chaos fort, schmilzt Bushs Kredit bei den Amerikanern immer weiter: Am Ende lauert die Vietnam-Falle. Deshalb ist der Präsident gezwungen, eine Brücke zu den Vereinten Nationen und der Nato zu schlagen – im wohlverstanden eigenen Interesse. Eine Internationalisierung ist zwar noch nicht die Lösung des Irak-Konflikts. Aber das Feindbild von der amerikanischen Besatzungsmacht im Irak wird zumindest entschärft.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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