Irak
In der Falle der Guerilla

Was für eine verstörende Ironie der Geschichte: Ausgerechnet jene, die hohe Werte in die Welt tragen wollten, müssen nun selbst Nachhilfeunterricht im Fach Ethik und Moral nehmen. Einem „Wertetraining“ sollen sich die amerikanischen Soldaten im Irak unterziehen.

Selbst auferlegt, nachdem kaum noch zu leugnen ist, was in Haditha und möglicherweise auch andernorts am Kriegsschauplatz Irak geschehen ist: Rachegelüste haben die Oberhand gewonnen, Menschenleben wurden gering geachtet. Die US-Armee, kriegstechnisch schon lange in der Defensive, ist nun auch in eine moralische Legitimationskrise geraten.

Doch es wäre falsch, der Truppe unkontrollierte Raserei vorzuwerfen. Es fehlen die Belege dafür. Die bekannt gewordenen Gewalttaten sind bislang noch Einzelfälle. Und so manche Anschuldigung, die in nächster Zeit noch nach oben gespült werden mag, kann auch von Trittbrettfahrern stammen, die schnell auf einen fahrenden Zug springen wollen. Eine Entwicklung, die der neue irakische Ministerpräsident Nuri el-Maliki mit seinen jüngsten Äußerungen noch befeuert hat. Amerikanische Gewalt gegen Zivilisten sei eine „regelmäßige Erscheinung“, sagte der Politiker. Das mag im Irak gut ankommen, aber es trifft nicht die Wahrheit. Das Klima der Gewalt geht im Irak vor allem von Aufrührern, Terroristen und religiösen Scharfmachern aus, nicht von den USA und ihren Verbündeten. Allerdings: Den Amerikanern muss der Vorwurf gemacht werden, häufig nicht zu wissen, wie sie sich zu verhalten haben, und ihren hohen Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden.

Die USA erleben erneut, was sie seit Vietnam wie die Pest meiden wollten: einen langen, mit Guerillataktik geführten Abnutzungskrieg. Und weil sie ebendies so scheuten, weil sie nach Vietnam nie wieder in eine solche Situation geraten wollten, haben sie sich auch nicht darauf vorbereitet. Die rund 130 000 US-Soldaten, die im Irak Dienst tun, kamen unter der Annahme ins Land, einen militärischen Gegner zu bezwingen und die Bevölkerung zu befreien. Doch was sie vorgefunden haben, sind ein unsichtbarer Feind und Menschen, die ihnen bestenfalls abwartend, inzwischen in weiten Teilen ablehnend gegenüberstehen. Dass die Truppe damit nicht umgehen kann, dass Abu Ghraib und Haditha geschehen konnten, ist deshalb in allererster Linie das Versagen der politischen Führung. Auch wenn es wie eine endlose Wiederholung klingt: Die USA werden im Irak von ihren Grundfehlern verfolgt, mit denen sie im März 2003 in diesen Krieg zogen. Jetzt müssen sie diese unter den denkbar widrigsten Umständen korrigieren.

Wird Haditha eine Kriegswende bringen, zumindest in der öffentlichen Meinung der USA, so wie das Massaker von My Lai 1968 in Südvietnam? Wohl kaum. Denn auch wenn die Abläufe der beiden Ereignisse Parallelen aufweisen – die Vertuschungsversuche, die Rolle der Medien, die zögerliche Aufklärung –, bleibt ein zentraler Unterschied: Es ist keine Wehrpflichtigenarmee mehr, die heute für die USA kämpft, es sind Berufssoldaten oder gar Contractors, bezahlte Söldner. Die Bestürzung über die Ereignisse im Irak reicht nicht mehr hinein in jede amerikanische Familie. Der Krieg ist privatisiert. Und damit auch die Gräuel.

ziener@handelsblatt.com

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
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