Irak
Kommentar: Spärliche Erfolge

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Sollte den USA tatsächlich die militärische Wende im Irak gelingen? Es wäre wohl die beste Nachricht seit dem Beginn des Krieges im März 2003.

Denn ob man einst die Invasion befürwortet hat oder nicht: An Chaos und Zerfall kann niemandem gelegen sein. Auch nicht jenen, die sich dann endgültig im Recht fühlen würden, weil sie von Anfang an diesen Waffengang für einen fatalen Irrtum gehalten haben. Europa und USA vereint ein gemeinsames Interesse an einem stabilen Irak. Wir alle sollten die Fakten nüchtern analysieren. Es gibt ohne Zweifel Fortschritte. Die Provinz Anbar, bis vor Monaten noch versunken in El-Kaida-Willkür, erlebt derzeit zum ersten Mal wieder so etwas wie Normalität. Gleiches gilt für die Provinz Diyala und einige wenige Bezirke in Bagdad. Stimmen die amerikanischen Angaben, dann hat sich die Zahl der Anschläge verringert, auch jene der Toten.

Allerdings: Es kommt darauf an, was man vergleicht. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden mehr als 100 amerikanische Gefallene jeweils im April, Mai und Juni gezählt. Im Juli und August starben zwar weniger Soldaten, aber mit je etwa 80 immer noch mehr als in den Vergleichsmonaten der Kriegsjahre zuvor. Noch weniger deutlich fällt der Positivtrend bei den irakischen Opfern aus: Rund 1600 Menschen lassen nach wie vor Monat für Monat ihr Leben.

Genau darum wird jetzt in Washington gerungen und gefeilscht: um die Interpretation von Zahlen und Fakten. Wie nachhaltig ist die Ruhe in Anbar, wenn sie auf einer Koalition der USA mit sunnitischen Einheiten beruht, die bis vor kurzem die Amerikaner noch bekämpft haben? Wie viel wert ist ein Abflauen von Gewalt, das vor allem deswegen zustande kommt, weil ganze Gebiete „religiös oder ethnisch gereinigt“ wurden? Wie stolz darf man auf eine Befriedung sein, wenn sie wie im Süden des Iraks auf den Bajonetten schiitischer Milizen daherkommt?

Natürlich ist jede Beruhigung ein Fortschritt. Doch verglichen mit den Zielen von einst, den Irak zu einem demokratischen Vorbild für den Nahen Osten zu machen, liegt die Messlatte nun dramatisch tiefer. Von „sanfter Teilung“, von einem „Sunnistan, Schiistan und Kurdistan“ wird heute in Washington so gesprochen, als sei dies bereits ein gutes Ende für den Irak. Michael O’Hanlon, einer der Brookings-Autoren, der vor Wochen die US-Führung für ihre militärischen Erfolge lobte, kann sich inzwischen für das „bosnische Modell“ erwärmen: die weitgehende Trennung ethnisch-religiöser Gruppen.

General David Petraeus und Botschafter Ryan Crocker muss man zugutehalten, dass sie es sich nicht leichtgemacht haben bei ihrer Bewertung der Lage. Sie haben gestern darauf verzichtet, ihren Berichten ein grobes Raster überzustülpen – auch wenn manche Politiker das gern gesehen hätten. Denn in Washington stehen sich die beiden Lager unversöhnlich gegenüber: „Kein zweites Saigon“, fordern die einen. Einen schnellen Truppenabzug aus dem Irak die anderen.

Tatsächlich bleibt das Bild vom Irak 2007 unscharf, komplex und in stetem Fluss. Existiert aber auch nur der Hauch einer Chance, den Irak vor dem Absturz zu bewahren, dann muss diese genutzt werden. Egal, wer in den USA am Ende parteipolitisch davon profitieren mag.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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