Irak
Mit Schurken am Tisch

Eine einstellige Zahl von Menschen, die täglich im Irak sterben, wird von den internationalen Medien längst ignoriert. Eine zweistellige wird routinemäßig registriert, ist hin und wieder eine Randnotiz wert.

Erst wenn wie Anfang der Woche mehr als hundert Tote an einem einzigen Tag zu beklagen sind, findet die entsprechende Meldung auf den vorderen Zeitungsseiten Platz.Die für den morgigen Samstag terminierte Irak-Sicherheitskonferenz wird dagegen fette Schlagzeilen produzieren. Hoffentlich. Denn nach mehr als drei Jahren ist es wieder gelungen, Diplomaten aus den USA mit ihren Kollegen aus Iran und Syrien an einen Tisch zu bringen. Dafür musste vor allem die US-Regierung weit über ihren Schatten springen. Schließlich apostrophiert sie sowohl Iran als auch Syrien als Schurkenstaat. Vor einigen Wochen hatte US-Präsident George W. Bush die Empfehlung des Baker-Hamilton-Berichts, gemeinsam mit Iran und Syrien an der Befriedung des Iraks zu arbeiten, zurückgewiesen. Und die Amerikaner haben noch vor wenigen Tagen die Iraner beschuldigt, im Irak das Feuer zu schüren, indem sie Agenten einschleusten und schiitische Fanatiker reichlich mit Waffen und Munition versorgten. Die Anklage klang so hart, dass neue Gerüchte über einen bevorstehenden US-Angriff auf Iran die Runde machten.

Daher ist es ein nicht zu unterschätzender Erfolg, dass diese Konferenz überhaupt auf die Agenda gesetzt werden konnte. Dabei ist es unerheblich, ob dies nun eine amerikanische oder irakische Initiative war. Was vorerst zählt, ist allein das Faktum. Nachdem der Vorschlag zirkulierte, wäre eine Absage seitens der Vereinigten Staaten ein kaum zu verantwortender Affront gegenüber der Regierung in Bagdad gewesen. Es sind schließlich die Amerikaner, die von der irakischen Regierung permanent verlangen, endlich einen relevanten Beitrag zur Befriedung des gebeutelten Landes zu leisten. Wenn sich dann die Möglichkeit dazu bietet, Chancen auszuloten, kann die US-Regierung Bagdad kaum einen Strich durch die Rechnung machen. Es ist ein sehr positives Zeichen, dass sich diese Einsicht in Washington durchgesetzt hat und dass der Versuch unterstützt wird. In Iran zierte man sich zunächst, Emissäre nach Bagdad zu schicken. Aber hier handelte es sich ganz offensichtlich um eine diplomatische Finesse, man wollte sich eben bitten lassen. Das schmeichelt dem eigenen Ego. Aber auch in Teheran erkannte man letztlich insbesondere die innenpolitischen Vorteile. Kommt man einer Lösung für den Irak näher, könnte in der Ferne ein Preis winken: Die Aussetzung der amerikanischen Sanktionen gegen Teheran und vielleicht eine Entspannung im heiß gelaufenen Atomstreit.

Es mag ein Manko der Konferenz sein, dass der Kreis der Teilnehmer recht groß ist: Neben Iraks Anrainern umfasst er auch die fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates und eine Delegation von Uno-Vertretern. Viele Stimmen, viele Meinungen, wenig Entscheidungen. Das lehrt die Erfahrung. Aber in einem intimeren Zirkel zu tagen hätte wohl gerade die Falken in Washington überfordert. Und eine Abstinenz eines derart hochkarätigen Protagonisten wie der USA hätte jene arabischen Staaten, die Irans Streben nach mehr machtpolitischem Einfluss mit Argusaugen verfolgen, zwangsläufig irritiert. Schließlich war sich Saudi-Arabiens Monarch Abdullah nicht zu schade, kürzlich den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad in Riad mit viel Pomp zu empfangen. Dieser sunnitisch-schiitische Dialog sollte nicht der letzte sein und könnte Vorbildfunktion für die Streithähne im Irak erhalten.

Sicher, griffige Resultat dürfen am Samstag noch nicht erwartet werden. Wenn der irakische Außenminister Sebari das Treffen bereits im Vorfeld als Durchbruch lobt, steckt darin viel Zweckoptimismus. Aber man weiß: Was im weiten Plenum solcher Konferenzen offiziell über die Bühne geht, ist nicht immer entscheidend. Wichtig ist vor allem, was in den Couloirs geredet wird. Falls die Konferenz letztlich dazu führt, dass man sich bereits im April auf der Ebene der Außenminister zusammenfindet, wäre dies ein Schritt zur Entspannung in der nahöstlichen Region.

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