Irak
Nur eine Etappe

Nach Meinung praktisch sämtlicher Experten ist der Terror im Irak noch lange nicht besiegt. Es ist dort zwar heute sicherer als vor einem Jahr. Aber noch immer wird das Land von einem Maß an täglicher Gewalt erschüttert, das den Aufbau einer Zivilgesellschaft oder gar einer Demokratie nahezu unmöglich macht. Eine Analyse.
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Als John McCain Anfang Januar auf einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire halb im Scherz sagte, die USA müssten noch 100 Jahre im Irak bleiben, stockte manchem Beobachter für einen Moment der Atem. Und nicht etwa, weil dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten eine besonders gute Pointe gelungen wäre, sondern weil McCain möglicherweise recht hatte.

Der 71-jährige Senator hatte mit üblicher Übertreibung dem Wahlvolk eine nüchterne Wahrheit mitgegeben. Denn wenn auch vielleicht nicht gleich ein ganzes Jahrhundert, so müssen amerikanische Soldaten doch in jedem Fall noch viele, viele Jahre im Irak bleiben. Der heutige fünfte Jahrestag des Einmarsches ist deshalb nicht viel mehr als eine Zwischenetappe.

Das Frappierende dabei ist, dass McCain einer der größten Verfechter des Truppenaufbaus im Irak gewesen ist. Präsident George W. Bush hatte mit der Aufstockung und dem Kurswechsel begonnen, nachdem seine Partei im Herbst 2006 die Kongresswahlen verloren hatte, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld abgelöst war und neue Ideen auf den Tisch kamen. McCain hatte stets ein größeres militärisches Kontingent gefordert – und dieses Versäumnis Rumsfeld wiederholt vorgeworfen.

Die sogenannte „surge“ brachte tatsächlich Erfolge. Die Zahl der zivilen Toten wie der gefallenen Soldaten hat im Vergleich zum Höhepunkt im Herbst 2006 deutlich abgenommen. Gleiches gilt für die Zahl der Anschläge – hier bewegt sich der Irak nun etwa wieder auf dem Niveau vom Jahresanfang 2005.

Dass McCain jedoch nicht von einem Sieg sprechen mag und schon gar nicht davon, die US-Truppen im großen Stil abzuziehen, hat mit den Realitäten vor Ort zu tun. Der Senator kennt die Ursachen für den Erfolg genau – und auch die Brüchigkeit dieser „Stabilität“. Denn im Moment profitieren die USA von einem ganzen Bündel von günstigen Faktoren.

Da ist zum einen Kriegsmüdigkeit im Spiel, die ehemalige Aufständische auf die Seite der Amerikaner wechseln lässt. Da gibt es den schiitischen Radikalen Muktada el Sadr, der seinen Milizen gerade erst eine weitere sechsmonatige Kampfpause verordnet hat. Im Süden rund um die Hauptstadt Basra hat man das Feld den schiitischen Gruppen überlassen und im Prinzip die Kontrolle aufgegeben. Und zudem haben die bereits erfolgten ethnischen Säuberungen für Ruhe gesorgt. Doch all dies muss nicht wirklich lange Bestand haben.

Denn nach Meinung praktisch sämtlicher Experten ist der Terror im Irak noch lange nicht besiegt. Anthony Cordesman vom Washingtoner Think Tank CSIS und einer der besten Irak-Kenner in den USA spricht dabei vom Problem des „nicht reduzierbaren Minimums“. Wie aktiv dieser harte Kern der Terrorgruppen tatsächlich ist, lässt sich derzeit an den Entwicklungen in der nordirakischen Stadt Mossul ablesen. Dort sind US-Truppen in einen zähen Kampf verwickelt. Wöchentlich gehen bis zu 80 Straßenbomben hoch oder werden gerade noch entschärft. Die US-Militärs vor Ort mögen deshalb auch nicht über die eine entscheidende Schlacht philosophieren, die die Wende bringt. Vielmehr suchen sie in Mossul wie in Bagdad nach einer tragfähigen politischen Lösung, die El Kaida am Ende die Basis raubt.

In Mossul, Hauptstadt der Provinz Niniveh, leben rund drei Millionen Menschen, 60 Prozent arabische Sunniten. Daneben Kurden, Christen und andere Minderheiten. Vor allem aber: In Mossul befinden sich auch schätzungsweise rund 100 000 ehemalige Angehörige der früheren irakischen Armee – und sorgen für einen hochbrisanten Bevölkerungsmix.

Vor diesem Hintergrund haben Politiker und Experten in den USA ihre Sprache der Lage immer mehr angepasst. Vom „langen Krieg“ ist jetzt die Rede, von „vielen Jahren“, von „dauerhaften Verpflichtungen“. Das Pentagon warnte jüngst bereits vor einem zu schnellen Truppenabbau und fordert eine Pause des bereits eingeleiteten Abzugs. Statt 130 000 werden im Sommer daher voraussichtlich immer noch 140 000 US-Soldaten im Irak stationiert sein. Befürchtet wird, dass der Abbau der Gewalt bereits den Boden erreicht haben könnte. Mit anderen Worten: Es ist im Irak zwar heute sicherer als vor einem Jahr. Aber noch immer wird das Land von einem Maß an täglicher Gewalt erschüttert, das den Aufbau einer Zivilgesellschaft oder gar einer Demokratie nahezu unmöglich macht.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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