Irak
Verlust eines Partners

Als die USA den Krieg planten, führten sie die Schiiten unter der Rubrik „freundlich gesinnt“. Hatte dieses Etikett so ohnehin nie gestimmt, ist es seit den Ereignissen der vergangenen Tage wohl vollends überholt. Denn die Bereitschaft der Schiiten zur Gewalt zeigt, wie wenig Kredit die Amerikaner nun auch bei dieser – der wichtigsten – Bevölkerungsgruppe haben.

Als die USA den Krieg planten, führten sie die Schiiten unter der Rubrik „freundlich gesinnt“. Hatte dieses Etikett so ohnehin nie gestimmt, ist es seit den Ereignissen der vergangenen Tage wohl vollends überholt. Denn die Bereitschaft der Schiiten zur Gewalt zeigt, wie wenig Kredit die Amerikaner nun auch bei dieser – der wichtigsten – Bevölkerungsgruppe haben.

Dabei waren es gerade die Schiiten, die am meisten unter der Herrschaft von Saddam Hussein litten. Neben den Kurden hatte Saddam die Schiiten zu Feinden erklärt. Er bekämpfte sie überall, vor allem aber in ihren Hochburgen wie in der Region um Basra im Süden. Saddam ließ jedes Anzeichen schiitischen Ungehorsams brutal unterdrücken, Menschen wurden gefoltert, verschwanden auf Jahre in unterirdischen Verliesen oder wurden umgebracht und in Massengräbern verscharrt. Die Schiiten würden die Invasoren mit offenen Armen empfangen, kalkulierten amerikanische und britische Strategen vor Beginn des Waffengangs.

Doch schon in den ersten Kriegstagen wurde deutlich, dass von überschwänglicher Freude wenig zu spüren war. Zwar verhielten sich die Schiiten zunächst zurückhaltend. Doch schnell mischte sich in die Genugtuung über den Sturz des Tyrannen die Furcht, sie könnten auch im neuen Irak zu kurz kommen. Dabei erwarteten sie als Bevölkerungsmehrheit, endlich ein großes Stück von der Macht im Irak zu erhalten. Doch faktisch lässt die Erfüllung dieser Forderung bis heute auf sich warten. Im Gegenteil: Mit der Ermordung von Ayatollah Mohammed Bakr al-Hakim im August letzten Jahres verloren die Schiiten ihre alles überragende Symbolfigur – und die USA den vielleicht wichtigsten Partner. Seither gibt es Probleme. Probleme, die in die Unruhen von Bagdad und Basra mündeten.

Denn Ayatollah Ali al-Sistani ist nicht der charismatische, unumstrittene Schiitenführer wie al-Hakim. Dieser war Chef des Obersten Rates der Islamischen Revolution (Sciri), der bis heute größten und bedeutendsten schiitischen Organisation im Irak. Al-Hakim verfügte damit über geistliche und politische Macht. Der öffentlichkeitsscheue al-Sistani dagegen ist nicht in der Lage, Radikale wie Muktada el Sadr unter Kontrolle zu halten, was sich nun als großes Handicap erweist.

Sadr predigt eine Gewalt, die kaum noch ausbalanciert werden kann. „Terrorisiert euren Feind“, rief er seinen Milizen am Wochenende zu – und meinte damit die Amerikaner, aber auch die Briten. Und die Milizen taten, wie ihnen gesagt wurde: in Bagdad, Amara und Basra.

Für die Besatzungstruppen könnten diese Ereignisse zu einer weiteren Zäsur werden. Denn sollte sich diese Frontstellung auf die Mehrheit der Schiiten ausdehnen, dann wird den USA der Gesprächsfaden zur – neben den Kurden – einzig verbliebenen intakten Machtstruktur im Land durchschnitten. Die Folgen einer solchen Entwicklung wären kaum auszudenken. Sie würden jegliche bisherige Irak-Planung Washingtons hinfällig werden lassen. Da mag die Bush-Regierung noch so fest am Termin der Übertragung der Souveränität am 30. Juni festhalten. Niemand wird davon etwas haben, wenn das Land bis dahin in einen Bürgerkrieg abgeglitten sein sollte.

Die Diskussion darüber ist in den USA bereits im Gang. Öffentlich haben nun die beiden US-Senatoren Richard Lugar, ein Republikaner, und Joseph Biden, ein Demokrat, über eine Verschiebung des Zeitpunktes nachgedacht. Richtig an der Überlegung ist, dass keine irakische Regierung unter den Bedingungen der Gewalt erfolgreich arbeiten kann. Immer wieder müssten die US-Truppen eingreifen, um die Ordnung herzustellen. Und schnell wäre dadurch die neue irakische Regierung bei der Mehrheit des Volkes als US-Handlanger diskreditiert.

Doch auch mit einer Verschiebung wäre nicht wirklich viel gewonnen: Denn sie gäbe nur jenen neue Argumente, die den USA jeglichen guten Willen in ihrem Handeln absprechen. So wie Sadr, der gestern bereits „Garantien für den Abzug der USA“ verlangte. Denn nur darum geht es ihm.

Jetzt also soll Lakhdar Brahimi, der Uno-Sondergesandte, einen Weg aus der verfahrenen Situation weisen. Er muss dafür sorgen, dass in weniger als drei Monaten ein Modus des Übergangs gefunden wird, der akzeptabel ist. Ein Modus, der vor allem mit Versprechungen arbeiten wird: bald Wahlen durchzuführen und alle ethnischen Gruppen gemäß ihrem jeweiligen politischen Gewicht zu berücksichtigen. Vor allem aber gilt es, zu versichern, dass der Irak wieder den Irakern gehören soll. Doch wer soll all das noch glauben?

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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