Irak
Zu spät

Sechs Wochen nach der Niederlage von Bushs Republikanern wird deutlich, wie der US-Präsident das Wählervotum interpretiert: Nicht etwa als Aufforderung zum Rückzug aus dem Irak, sondern als Signal, den alten Kurs noch unnachgiebiger zu verfolgen.

Bush spricht nicht mehr vom Sieg, aber dies bedeutet für ihn nicht, den Irak aufzugeben. Mehr statt weniger US-Truppen sollen nun das aufziehende Scheitern noch abwenden. Zwei Jahre bevor er das Weiße Haus verlassen muss, will Bush eine Wende erzwingen. Dafür schlägt er sogar die Empfehlungen der Baker-Kommission in den Wind. Doch selbst wenn man die Annahme teilt, dass sich der Konflikt militärisch in den Griff bekommen lässt: Eine Aufstockung der Einheiten kommt zu spät. Und selbst wenn 30 000 frische Soldaten nach Bagdad geschickt würden, wären es zu wenige. Donald Rumsfeld war es, der von Beginn an bei den Truppen sparte, wo er nur konnte. Mit einer minimalen Streitmacht eroberte er zwar den Irak, doch die reichte nie, um das Land an den Brennpunkten zu kontrollieren. Diese mangelnde militärische Präsenz in einem Land, das jahrzehntelang von einem Diktator beherrscht wurde, führte zum Chaos. Der Widerstand hat sich im Irak etabliert und lässt sich mit ein paar zehntausend Mann mehr nicht mehr einfangen.

Bush ist ein Überzeugungstäter, einer, der sich von anderen Auffassungen nicht leicht irritieren lässt. Das kann in unseren westlichen Gesellschaften, die alles schnell zerreden, eine gute Eigenschaft sein. Doch wenn es um Krieg geht, ist der Preis für eine Politik des „Weiter so“ hoch. Das Fatale dabei ist, dass man bei Bush nicht wirklich weiß, auf welchem Fundament sein Festhalten ruht: auf verlässlichen Fakten oder auf Realitätsverweigerung.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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