Iran
Der Gernegroß

Stolz, trotzig, zuversichtlich: So präsentiert sich Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad seiner Nation und der Weltgemeinschaft. Iran gehöre fortan zu jenen Staaten, „die in industriellem Maßstab Kernbrennstoff herstellen“, prahlte Ahmadinedschad jetzt. Und: „Unser Land ist heute dem Club der Nuklearstaaten beigetreten.“

Er sieht Iran auf dem Weg zur Größe, und nichts könne sich ihm dabei in den Weg stellen, behauptete Ahmadinedschad vor 500 in- und ausländischen Würdenträgern, die in die Anreicherungsanlage Natans gepilgert waren, um den alljährlichen „Nationaltag der Atomenergie“ zu feiern. Sein Chefunterhändler bei den Atomverhandlungen, Ali Laridschani, lieferte die technischen Details nach: Iran reichere nun in 3000 Zentrifugen Uran an. Das reicht nach seinen Worten aus, um pro Jahr zwei Atombomben produzieren zu können. Als Laridschani aber gefragt wurde, ob alle diese Zentrifugen zur Anreicherung von Uran eingesetzt würden, war von ihm kein klares Ja zu hören. Folglich muss die Welt auch weiterhin darüber rätseln, ob die Zentrifugen tatsächlich funktionstüchtig sind und der Anreicherung für waffenfähiges Uran dienen können.

Vermutlich übertreibt der iranische Präsident, wenn er sein Land bereits jetzt zur Atommacht erklärt. Es gäbe durchaus einige Anzeichen dafür, dass er bluffe, meint denn auch Ephraim Kam, Iranforscher am Institute for National Security Studies der Universität Tel Aviv. Seit Monaten hat Teheran einen technologischen Durchbruch versprochen, musste aber den Zeitpunkt der Bekanntgabe von Konkretem immer wieder verschieben. In der Vergangenheit hatten die iranischen Atomingenieure schließlich mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen. So gelang es ihnen nicht, mehr als 100 Zentrifugen pro Monat zu produzieren und zu installieren. Bis vor kurzem betrieb die islamische Republik in Natans lediglich 328 Zentrifugen. Und nichts deutet darauf hin, dass diese Probleme gemeistert und das Tempo beschleunigt werden konnten. Die meisten Zentrifugen, die Iran zur Verfügung stehen, arbeiten zudem wesentlich langsamer als entsprechende westliche Modelle. Moderne westliche Zentrifugen bringen es auf Geschwindigkeiten von 700 Metern pro Sekunde. Die meisten jener in Natans installierten können aber nur auf 200 Meter pro Sekunde beschleunigen. Und dies kann zu dem Schluss führen, dass Teheran die Anreicherungstechnologie noch nicht völlig beherrscht.

Die lautstarke Ankündigung Ahmadinedschads, dem Club der Nuklearstaaten beigetreten zu sein, ist also mit Vorsicht zu genießen. Die Techniker der Ajatollahs haben jedenfalls noch einen weiten Weg zurückzulegen. Sie müssen während mehrerer Monate ohne Unterbrechung mindestens 1500 Zentrifugen in Schwung halten. Erst dann könnten sie schlüssig beweisen, dass sie zur Urananreicherung von 90 Prozent fähig sind. Denn erst ab diesem Anreicherungsgrad wird die Sache militärisch relevant. Die iranischen Techniker bringen für diese hochkomplexe Technologie allerdings wenig einschlägige Erfahrung mit. Anreicherungsanlagen sind extrem störanfällig. Ihr Bau und ihr Betrieb setzen nicht nur technisches Wissen, sondern auch Fingerspitzengefühl voraus, das sich nicht aus Handbüchern lernen lässt. Weil die einzelnen Zentrifugen voneinander abhängig operieren, kann ein Fehler bei nur einer Zentrifuge das gesamte System gefährden.

Ahmadinedschad mag also massiv übertrieben haben. Zumindest vorläufig. Doch politisch müssen seine Worte aus drei Gründen ernst genommen werden: Erstens will der Präsident mit dem Eintritt in den Nuklearclub sein Ansehen bei der eigenen Bevölkerung und in der arabischen Region steigern. Er zielt zweitens darauf ab, seine Verhandlungsposition im Atompoker zu verbessern. Indem er die Urananreicherung in seinem Land als Tatsache darstellt, kann er bei den Verhandlungen mit dem Westen entschlossener auftreten. Und drittens gibt die islamische Republik unmissverständlich zu verstehen, dass sie am Nuklearprogramm auf jeden Fall festhalten will. Sanktionen, so Ahmadinedschads unmissverständliche Botschaft an den Westen, werden Iran jedenfalls nicht vom Weg in Richtung Atommacht abbringen können.

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