Iran
Iranische Gesellschaft tief gespalten

Der Iran steht auf der Kippe. Wahllos prügeln Sondereinheiten der Polizei auf Passanten ein. Das Land ist von einem revolutionären Funken erfüllt, der schnell außer Kontrolle geraten kann. In jedem Fall hat sich die Spaltung der iranischen Gesellschaft vertieft. Und das Land ist für westliche Außenpolitiker und Unternehmer noch schwieriger geworden.
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Teheran steht auf der Kippe. Wahllos prügeln Sondereinheiten der Polizei auf Passanten ein. Sicherheitskräfte zielen in der iranischen Hauptstadt mit Tränengasbomben auf Demonstranten. Zornige Jugendliche werfen Steine und skandieren "Nieder mit dem Diktator!" Mülltonnen und Reifen werden angezündet. Es gibt Verletzte und angeblich auch Tote.

Derzeit sind die Proteste eher spontan und nicht zentral organisiert. Der Spitzenkandidat der Reformer, Mir Hussein Mussawi, ist auf Geheiß der Regierung von der Bildfläche verschwunden. Ihm fehlt es ohnehin an Charisma, Tatkraft und Kreativität. Ein Václav Havel oder ein Nelson Mandela ist er nicht.

Teheran ist von einem revolutionären Funken erfüllt, der schnell außer Kontrolle geraten kann. In jedem Fall hat sich die Spaltung der iranischen Gesellschaft vertieft. Und das Land ist für westliche Außenpolitiker und Unternehmer noch schwieriger geworden.

Die Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Freitag sind nur der Auslöser für die Unruhen. Klar - für viele zu klar - hat der Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad gewonnen. Dass er mit seinem Sozialpopulismus vor allem bei Armen und Unterprivilegierten punktete, steht außer Frage. Kostenlose Kartoffellieferungen, Preissubventionen für Lebensmittel sowie die Erhöhung der Renten hielten große Teile der Landbevölkerung bei Laune. Doch ein Zuspruch von rund 63 Prozent der Wählerstimmen erscheint zweifelhaft. Zu gewaltig waren die Teheraner Massenkundgebungen der vergangenen Wochen. Und zu sehr schneiden Inflation und Arbeitslosigkeit ins Portemonnaie der Bürger. Die Vorwürfe der Opposition, die Regierung habe den Urnengang manipuliert, sind daher ernst zu nehmen. Zu beweisen sind sie aber nicht.

Hinter den Kundgebungen der vergangenen Wochen, bei denen Millionen Menschen auf die Straße gingen, steckt ein gigantischer Durst nach Freiheit. Die Jugendlichen der 13-Millionen-Stadt Teheran stehen an der Spitze. Diese Bewegung rüttelt an den Grundfesten des islamischen Gottesstaates - deshalb die Angst und die Überreaktion des Regierungsapparates.

Der unbändige Wunsch nach einer gesellschaftlichen Liberalisierung ist da. Viele Leute wollen sich nach Gusto kleiden, sie wollen sich politisch artikulieren, sie verlangen ungehinderten Zugang zu Informationen. Gebildete und Unternehmer hoffen zudem auf ein Ende der internationalen Isolierung des Landes.

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