Iran
Kommentar: Texanischer Wortschatz

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Vom Dalai Lama hat sich George W. Bush nicht inspirieren lassen. Gerade hat der US-Präsident in den Chor des Kongresses eingestimmt und das spirituelle Oberhaupt der Tibeter sicher zu recht als ein Vorbild für Friedfertigkeit und Toleranz gepriesen, da kommt ihm locker die Vokabel „Dritter Weltkrieg“ über die Lippen. Die nuklearen Ambitionen des iranischen Regimes seien eine akute Bedrohung des globalen Friedens, argwöhnt der Präsident.

Klar, die persischen Scharfmacher geben Anlass zur Sorge. Und das Etikett „Schurken“, mit dem Bush diese schmückt, mag man mit Blick auf den Sprachschatz eines Texaners noch tolerieren. Immerhin hat der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad seine bösen Worte von einer Eliminierung des Staates Israel bislang in keiner Weise abgeschwächt, geschweige denn revidiert. Insofern muss es in Washington natürlich sauer aufstoßen, wenn Kreml-Chef Wladimir Putin den Teheraner Protagonisten einmal mehr den Rücken deckt.

Doch dies rechtfertigt nie und nimmer die martialische Wortwahl des US-Präsidenten. Dies umso weniger, als er mit seinem russischen Kollegen doch ins Geschäft kommen will: Liest auch du den Iranern endlich einmal die Leviten, sträubst dich im Weltsicherheitsrat nicht länger gegen Sanktionen, dann überdenke ich vielleicht das Installieren meines geplanten Raketenabwehrsystems hart an der Grenzen zu Russland.

Aber abgesehen davon stellt sich die grundsätzliche Frage: Wer soll denn in einem „Dritten Weltkrieg“ gegen wen kämpfen? Schon ein Angriff gegen Iran gehört angesichts des amerikanischen Dilemmas im Irak in den Bereich der Phantasie. Eine daraus resultierende weltweite Eskalation erst recht. Bush mag diese Realität zwar erkennen. Zu glauben, sie dennoch permanent und vehement leugnen zu müssen, ist alles andere als ein Zeichen von Stärke. Damit übertüncht man Schwäche.

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