Iran-Krise
Iran: Warum Obama poltert und nicht zuschlägt

Wünschte man sich vom Präsidenten Amerikas ein klareres Wort zu Iran, zu den himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die dort täglich geschehen? Selbstverständlich. Wäre es auch strategisch klug, wenn sich Barack Obama mit Herzblut öffentlich auf die Seite der Demonstranten schlagen würde? Mitnichten.

Wünschte man sich vom Präsidenten Amerikas ein klareres Wort zu Iran, zu den himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die dort täglich geschehen? Selbstverständlich. Wäre es auch strategisch klug, wenn sich Barack Obama mit Herzblut öffentlich auf die Seite der Demonstranten schlagen würde? Mitnichten. Dies wäre ein noch größerer Fehler, als sich in Diplomatie zu üben. Ein kurzer Moment der Solidarität müsste teuer bezahlt werden: für die USA, vor allem aber für die Protestierer auf den Straßen Irans. Obama darf jetzt nicht die Nerven verlieren. Selbst wenn bei so viel Realpolitik ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Auch 30 Jahre nach der Revolution ist der Name Amerika in Iran noch hochgradig toxisch. Da mögen die Demonstranten die USA verehren und sich nicht wenige von ihnen gar nach einer Green Card sehnen: Für viele, vielleicht die meisten Iraner haben sich die USA nicht nur durch den von Washington orchestrierten Sturz ihres Staatschefs Mohammed Mossadegh 1953 diskreditiert; sie haben danach über Jahrzehnte ein Regime gestützt, das seine Macht mit Repression zementierte. Obama hat diesen Umstand in seiner Kairoer Rede öffentlich eingestanden – und verriete sich nun selbst, würde er die USA erneut zu einem Teil des persischen Machtspiels werden lassen.

Tatsächlich bewegen sich die Teheraner Anschuldigungen gegen die USA bislang auch noch im bekannten rhetorischen Rahmen. Die eigentliche Kritik Irans konzentriert sich vielmehr auf Frankreich, Großbritannien und mit Abstrichen auch auf Deutschland. Damit scheint die transatlantische Arbeitsteilung in diesem Konflikt zu funktionieren. Denn wie auch immer die Krise ausgeht: Die USA müssen sie als handlungsfähiger Akteur überleben, der auch weiterhin mit Teheran reden kann.

Nicht nur die amerikanische Außenpolitik treibt das übergeordnete Interesse, einen atomar bewaffneten Iran zu verhindern. Es ist grundsätzlich im westlichen Sinn, mit Iran nicht alle Brücken abzubrechen. Der wäre am Ende womöglich überhaupt nicht mehr zu bändigen, würde er sich vollends als Paria-Staat begreifen und entsprechend verhalten.

Gleichzeitig hat man im Weißen Haus die Erfolgschancen der Protestbewegung abgeschätzt. Und ist dabei zu der nüchternen Erkenntnis gekommen, dass den Demonstranten Köpfe, Ziel und der Wille zum kompletten Systemsturz fehlen. Das Image des obersten Führers Ali Chamenei mag angeschlagen sein. Doch wird in Washington nicht damit gerechnet, dass der Gottesstaat so einfach verschwindet. Denn eine Lehre haben die iranischen Machthaber aus dem Sturz des Schahs vor 30 Jahren verinnerlicht: Wenn man auch nur einen Zentimeter nachgibt, dann ist das der Anfang vom Ende.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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