Iran
Ratio statt Rache

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Bomben oder nicht bomben? Das scheint in den USA die Frage des weiteren Umgangs mit Iran zu sein. Kapitulation oder Krieg? So wird die gleiche Frage in Paris gestellt. Während der Westen weitgehend hilflos dem Chaos in Pakistan zuschaut – dem Armenhaus mit Atomwaffen, in dem immer unverhohlener Islamisten nach der Macht greifen –, rückt Teheran immer stärker ins Zentrum der US-Politik.

Dafür spielt nicht nur die iranische Atomgefahr eine Rolle. Ebenso entscheidend scheint das nie überwundene Trauma zu sein, während der islamischen Revolution nach 444-tätiger Besetzung der US-Botschaft in Teheran schmachvoll aus Persien abgezogen zu sein.

Rache ist aber auch in der Politik kein guter Ratgeber. Rational ist sie nie, und das Nachdenken fördert sie ebenfalls nicht. Vielmehr sollten Amerikaner und Briten ihr Scheitern in Persien überdenken – das bedingungslose Stützen des diktatorischen Schah-Regimes und den CIA-Putsch gegen eine frei gewählte iranische Regierung – und dann nüchtern die aktuelle Lage analysieren.

Die kann man sehen wie die berühmten halbvollen und halbleeren Gläser. Ja, es ist der radikale Präsident Mahmud Ahmadinedschad an der Macht. Aber: Sein Stern sinkt rasch. Er büßt bei jeder Wahl Stimmen ein, die demokratisch-liberale Opposition formiert sich erstmals wieder, seine Wiederwahl in 2009 ist keineswegs sicher.

Ja, Iran scheint munter an seinem Atomprogramm weiterzuwerkeln. Aber: Wissenschaftler und Geheimdienste berichten, die Perser kämen dabei nicht so schnell voran, wie sie wünschen. Ahmadinedschads Sprüche, Iran sei bereits im Atomklub, ist bisher mehr Propaganda denn Realität. Ganz anders übrigens als in Pakistan – und dieses Land hat sich, im Unterschied zu Iran, nie der Aufsicht der Internationalen Atombehörde unterstellt. In Pakistan bieten Atomwaffen in der Hand von Islamisten eine beunruhigendere Perspektive als in Iran.

Ja, in Iran herrschen Kleriker und Tugendwächter mit ihren überkommenen Wertvorstellungen und unterdrücken liberale Oppositionelle. Aber: In Iran haben die Menschen deutlich mehr Rechte als in vielen arabischen Partnerländern der USA. In Iran bildet sich eine lebendige Zivilgesellschaft auf Grundlage der jahrtausendealten persischen Kultur. Verniedlichen soll dies das Problem Iran nicht, nur rational einordnen. Denn die nüchterne Analyse zeigt, dass die Lage in Iran keineswegs hoffnungslos ist. Dort droht dem wütenden Ahmadinedschad eine Meuterei: Das eigene Lager begehrt bereits auf, und das Volk zeigt immer stärker seine Ablehnung gegenüber dem fatalen Kurs und der katastrophalen Wirtschaftspolitik des Präsidenten.

Veränderungen aber brauchen Zeit. Zumindest bis zur Parlamentswahl im Frühjahr 2008 sollte man Iran die Chance geben, seinen Kurs von innen heraus zu korrigieren. Allerdings dürfen die liberalen Kräften dann nicht – wie Ahmadinedschads Vorgänger Chatami – am ausgestreckten Arm verhungern. Der Westen sollte deshalb jetzt Irans Zivilgesellschaft stärken und später den Liberalen klare Angebote – wie die Modernisierung der maroden iranischen Ölindustrie

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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