Iran: Virtuelle Atommacht

Iran
Virtuelle Atommacht

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Immerhin: Im Dauerstreit über das iranische Atomprogramm haben die fünf Uno-Vetomächte und Deutschland ein Signal der Einheit nach Teheran gesandt. Denn um nichts anderes ging es bei dem Außenministertreffen in Berlin. Der iranischen Führung sollte demonstriert werden, dass ihr umstrittenes Atomprogramm auch nach dem Bericht der US-Geheimdienste im Dezember die Welt weiter beunruhigt.

Dafür nahm man auch in Kauf, auf Druck von Russen und Chinesen die Sanktionen erneut nur moderat zu verschärfen. Ohnehin arbeitet Washington längst am Uno-Sicherheitsrat vorbei: Am schmerzlichsten für Iran (und europäische Firmen) sind die unilateral verhängten Finanzsanktionen, mit denen die Supermacht alle westlichen Banken aus dem Iran-Geschäft drängt. Aber so richtig das Signal der Einheit auch ist: Langsam stellt sich die Frage, welches Endziel die Sechsergruppe wirklich verfolgt und ob die internationale Non-Proliferationspolitik nicht letztlich überholt ist.

Denn einige amerikanische Wissenschaftler und auch die israelische Regierung kritisieren zu Recht, dass sich die internationale Gemeinschaft seit langem auf den falschen Punkt konzentriert. In Wahrheit sei etwa die Einschätzung der US-Geheimdienste wenig aussagekräftig, der Iran verfüge frühestens im Jahr 2015 über Atomwaffen. Der wirkliche „point of no return“ in der gesamten Debatte sei nicht der Besitz waffenfähigen Urans, sondern die Fähigkeit, mit eigenen Zentrifugen zuverlässig und kontinuierlich Uran anzureichern. Diese Fähigkeit aber könnten die Iraner schon 2009 erreichen. Ab diesem Zeitpunkt wäre das Land deshalb eine „virtuelle Atommacht“.

Derzeit versucht sich Iran daran, den Anteil von Uran-235-Isotopen von 0,7 auf 4,0 Prozent zu steigern. Für Kernwaffen wäre dies eine unbrauchbare Konzentration. Aber die Anreicherung von vier Prozent auf über 90 Prozent braucht nur ein Viertel der Zeit. Kritiker werfen Iran deshalb vor, 2003 aus purer Berechnung sein atomares Waffenprogramm aufgegeben zu haben. Die Führung in Teheran habe nämlich erkannt, dass der entscheidende Punkt die Beherrschung der Technologie an sich sei. Später könne sich das Land binnen weniger Monate von der virtuellen zur faktischen Atommacht wandeln.

Lässt man sich auf diesen Gedanken ein, kann es eigentlich nur zwei Schlüsse geben: Entweder die internationale Gemeinschaft beendet die atomaren Gehversuche Irans sofort und müsste konsequenterweise dauerhaft auch eine zivile Urananreicherung untersagen. Oder aber sie bewertet die Gefahr, die von einer „virtuellen Atommacht“ Iran ausgeht, als eher gering. Der erste Weg führt zu dramatischen Konsequenzen. Der zweite Weg würde ermöglichen, das Thema mit größerer Gelassenheit zu diskutieren.

Tatsächlich spricht vieles für den zweiten Weg. Zum einen würde ein sofortiges hartes Vorgehen gegen Iran mehr Schaden als Nutzen anrichten. International sind nicht nur Russen und Chinesen dagegen. Auch viele Schwellenländer folgen dem westlichen Druck nur murrend. Sie sehen auch für sich ein Problem, wenn Iran die nach internationalen Regeln zulässige zivile Urananreicherung untersagt würde. Und die Folgen eines militärischen Eingreifens wären desaströs.

Sinnvoller wäre es, mit aller Kraft einen multilateralen Brennstoffkreislauf und eine verlässliche Lieferkette von nuklearem Brennstoff für alle interessierten Länder aufzubauen. Denn zur potenziellen Atommacht wird letztlich jeder Staat, der einen nationalen Brennstoffkreislauf schließt. Im Falle Irans mag es zu spät sein, die Mullahs von einer internationalen Lösung zu überzeugen. In Apathie verfallen muss man deshalb nicht. Zumindest muss man mit internationalen Sanktionen erreichen, dass das Land die von der Internationalen Atomenergiebehörde gewünschten Kontrollen erlaubt.

Aber wäre eine „virtuelle Atommacht“ Iran wirklich so gefährlich? Sicher, die Drohungen gegen Israel müssen ernst genommen und entschieden zurückgewiesen werden. Aber gänzlich irrational verhalten sich nicht einmal die Mullahs. Iran ist im Nahen Osten nicht nur Exporteur von Gewalt. Das Land kultiviert auch eine permanente, aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts abgeleitete Angst, selbst angegriffen zu werden. Es sucht nach Abschreckungsmöglichkeiten. Sinkt diese Angst mit Blick auf eigene „virtuelle“ Atomfähigkeiten, eröffnet dies die Chance auf moderatere Töne.

Entscheidend ist aber, Israel zur gleichen Zeit eine klare, glaubhafte Verteidigungsgarantie durch möglichst alle Atommächte zu geben. Wenn die iranische Führung je den Schritt von einer virtuellen zu einer tatsächlichen Atommacht gehen sollte, dann darf es nicht wie derzeit eine virtuelle, dann muss es eine harte Antwort geben. Aber eben erst dann.

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