Irland
Der Tiger darf nicht sterben

Europa kann in Irland beweisen, dass die Überwindung der Banken- und Schuldenkrise nicht in dem Kaputtsparen der Wirtschaft enden muss.
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Ob wir den Euro retten können, ist fraglich. Sicher aber ist, dass wir uns zu seinem Totengräber machen, wenn wir die Krisenländer in eine wachstumsfeindliche Zwangsjacke stecken. Irland kommt nicht darum herum, sein übermäßiges Staatsdefizit zu reduzieren. Die Kunst besteht aber darin, die Wachstumskräfte zu erhalten. Nur dann werden die Iren dazu in der Lage sein, künftig ihren Schuldendienst zu leisten und Kredite zurückzuzahlen.

Wer wirklich sicherstellen will, dass deutsche Steuergelder sparsam und sinnvoll eingesetzt werden, darf den Iren den Wachstumspfad nicht durch populistische Spardiktate verbauen. Aus seiner Krise herauswachsen kann Irland nur, wenn es auch weiterhin mit niedrigen Körperschaftsteuern internationale Unternehmen auf die Grüne Insel locken kann. Deshalb ist es richtig, dass die EU-Kommission sich nicht der Forderung von Frankreich und Deutschland angeschlossen hat, Irland müsse umgehend seine niedrige Körperschaftsteuer von 12,5 Prozent anheben. Richtig auch, dass beide Länder zumindest vorerst zurückstecken.

Je länger die Euro-Krise dauert, desto klarer wird, dass eine falsche Sparpolitik nur weiter ins Verderben führt. Griechenland wird nach der verordneten Rosskur einen Schuldenberg haben, der in Relation zur Wirtschaftsleistung noch größer ist. In Irland kann Europa zeigen, dass es eine Alternative zum Kaputtsparen gibt. Das Land hat mit seiner guten Infrastruktur, den hochqualifizierten, jungen Arbeitskräften und niedrigen Steuersätzen ein großes Wachstumspotenzial. Wenn es neben Spanien ein Land der PIGS-Staaten aus eigener Kraft schaffen kann, den Anschluss an die Champions-League der Währungsunion zu finden, dann Irland.

Eine Steuererhöhung würde die Krise verschärfen. Rund 80 Prozent der irischen Wirtschaftsleistung hängen vom Export ab, meist durch internationale Unternehmen: Intel, Dell und Pfizer sind nicht nur, aber vor allem wegen der niedrigen Steuern nach Irland gekommen. Nach Berechnungen der OECD kann eine Erhöhung der Körperschaftsteuer um einen Prozentpunkt zu einem Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen von fast vier Prozent führen.

Höhere Steuersätze führen nicht automatisch zu höheren Einnahmen. In Irland tragen die Unternehmensteuern rund zehn Prozent zu den Staatseinnahmen bei, in Deutschland bei deutlich höheren Sätzen nur knapp fünf Prozent. Da Beschäftigung und Konsum leiden würden, landete nach einer Erhöhung der Körperschaftsteuer weniger Geld in der Dubliner Kasse.

Die Forderungen aus Berlin waren darüber hinaus politisch unsinnig, weil die niedrigen Körperschaftsteuern nichts mit der Bankenkrise in Irland zu tun haben. Sie würden aber einen unnötigen Konflikt über das Symbol des irischen Wirtschaftswunders provozieren. Wie sollen die Iren der von Merkel gewünschten Änderung der EU-Verträge zustimmen, wenn man ihnen jetzt den Stolz raubte?

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Irland: Der Tiger darf nicht sterben"

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  • Erst einmal muss man wissen das Geld nicht verschwindet, sondern nur von einer Tasche in eine andere Tasche wandert. Die Schnittstelle für solche Transfers sind die banken, welche durch Gesetze legitimiert sind. Wo ist denn das Geld gelandet, wofür jetzt der Steuerzahler, übrigens nicht nur in Griechenland und irland, bürgen muss? Vielleicht in den Taschen von Hedge-Fonds-Managern oder in Form von fetten boni an banker oder in die Schatullen von baufirmen, welche Häuser bauten für Leute die es sich eigentlich gar nicht leisten konnten?
    Wann hört endlich die Perversion auf, dass sich Einzelne auf kosten Aller bereichern können? Es werden schon wieder ungedeckte Schuldscheine in Milliarden Höhe angehäuft, für die die Allgemeinheit in ein paar Jahren wieder in Haftung genommen wird. Denn woher kommt den das Geld was von den banken als fette boni ausgeschüttet werden. Von uns!!! Guten Tag.

  • Natürlich gehören auch die Steuersätze irlands zu den Ursachen der dortigen bankenkrise. Wohl kaum hätte ohne sie ein Wachstum der Finanzbranche in eine Dimension stattfinden können, die in keinem Verhältnis zur Größe des Landes steht, dass noch nicht einmal fünf Millionen Einwohner zählt...

    Wenn wir den Euro wirklich retten wollen, kommen wir nicht daran vorbei, zukünftig die Wirtschafts- und Finanzpolitik im Euroraum weitgehend zu koordinieren. Eine europaweite Harmonisierung der Steuersätze steht in diesem Zusammenhang an erster Stelle, auch wenn das Anhänger des Nachtwächterstaaates vor den Kopf stoßen sollte.

    Langfristig werden wir es dem Sourverän einfach nicht vermitteln können, warum für ein Land gebürgt werden muss, dass mit niedrigen Steuersätzen Unternehmen aus anderen Ländern abzieht und dessen Geschäftsmodell vor allem auf Steuerschiebung basiert. Zudem sollte durch die Finanzkrise doch jedem aufgegangen sein, dass der effizientere Umgang des Staates mit seinen Mitteln, den Steuerwettbewerb vielleicht zur Folge haben kann, in keinem Verhältnis zur Überwälzung der Steuerlast auf den Faktor Arbeit und zukünftige Generationen steht und den daraus resultiereden negativen Auswirkungen auf die Wachstumsperspektiven eines Landes steht...

    Wir beklagen uns über Auswanderung, stagnierenden Konsum, marode Schulen und Universitäten, einen immer schlechter werdenden Zustand der infrastruktur und eine immer größer werdende Ablehnung der Marktwirtschaft durch die Menschen. Aber wir scheuen uns, die unmittelbaren Ursachen dieser Entwicklungen anzugehen, weil wir die Party, welche die wenigen Profiteure feiern, nicht stören möchten...

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