Islam
Analyse: Ein Anfang

Es waren ungewohnte Töne. Selbstkritisch und ohne das übliche Selbstmitleid prangerten arabische Kommentatoren und islamistische Führer den Terror der muslimischen Geiselnehmer von Beslan an. Während einige Schreiber sich vor allem darum sorgten, wie die Tat dem Ansehen des Islams in der Welt schade, bezeichnete der Intendant des Fernsehsenders „Al-Arabiya“, Abdulrahman el Raschid, die Tat als „ein Endprodukt unserer korrupten Kultur“.

Bereits die Entführung der zwei französischen Journalisten durch radikale Islamisten im Irak hatte zu bisher einmaligen Protesten muslimischer Führer, islamistischer Gruppen und des Fernsehsenders „El Dschasira“ geführt, der es ansonsten vermeidet, sich deutlich von den Radikalen abzugrenzen.

Ist dies nun der Beginn einer grundlegenden Selbstreflexion in der arabischen Welt über legitimen Widerstand und Dschihad? Hat ein kritisches Nachdenken darüber begonnen, wie muslimische Völker, die sich in Tschetschenien, Palästina und im Irak unterdrückt fühlen, sich wehren können, ohne zu Terroristen zu werden?

Vieles spricht dagegen. Denn wenn es in diesen beiden Fällen einen Aufschrei des Entsetzens gab, lag das an den Zielen, die sich die Täter auswählten. Die Geiselnehmer von Beslan hatten es auf Kinder abgesehen. Damit haben die Täter eine Schwelle überschritten. Denn nach weit verbreitetem Islam-Verständnis darf sich auch der Dschihad nicht gegen Kinder, alte Männer und Frauen richten. In diesem Punkt sind die Terrorismusdefinitionen des Westens und der islamischen Welt ausnahmsweise ähnlich. Doch in anderen Fällen gehen sie weit auseinander. So sind Hisbollah- oder Hamas-Angriffe auf israelische Soldaten in besetzten Gebieten aus arabisch-muslimischer Sicht legitimer Widerstand gegen Besatzung, die USA stufen sie als Terrorismus ein. Das Gleiche gilt für Anschläge gegen US-Soldaten im Irak.

Auch die Proteste gegen die Entführung der beiden Franzosen im Irak erklären sich mit der Wahl des „falschen“ Ziels. Frankreich wird traditionell und erst recht seit seinem offenen Widerstand gegen die anglo-amerikanische Invasion Iraks in der arabischen Welt respektiert und als freundlich gesinnt eingeschätzt. Nach der Ermordung eines italienischen Journalisten gab es in der arabischen Welt keinen Aufschrei des Entsetzens. Die Nationalität der Opfer scheint ausschlaggebend.

Daher ist fraglich, ob jetzt eine grundlegende Debatte in Gang kommt, wie sie der „Al-Arabiya“-Intendant anstoßen will. Im terrorgeplagten Saudi-Arabien hat man es trotz aller Evidenz bisher vermieden, einen Zusammenhang zwischen Terroristen und dem eigenen politischen, religiösen und erzieherischen System herzustellen.

Die Hisbollah in Libanon bemüht sich auf ihre Art um Definitionen. Der Leiter des englischsprachigen Programms des Hisbollah-Senders „Al-Manar“ erklärte im Gespräch mit dieser Zeitung, man bezeichne die Kämpfer im Irak noch nicht als Widerstandskämpfer, weil deren politische Ziele unklar seien. Insbesondere die Angriffe auf irakische Polizisten und Zivilisten machten eine Einstufung der Gruppen als Widerstandskämpfer schwierig.

Falls die Ereignisse von Beslan keine nachhaltige Debatte in der arabisch-muslimischen Welt auslösen sollten, könnte das auch daran liegen, dass der Tschetschenien- Konflikt außerhalb der arabischen Welt stattfindet und nicht nahtlos in das Muster der nahöstlichen Konflikte passt. Zudem fühlen sich viele Menschen in der arabischen Welt selbst als Opfer von politischer Unterdrückung und Gewalt: sowohl durch die eigenen Regime als auch indirekt durch die Besetzung Palästinas und nun auch noch die amerikanische Truppenpräsenz im Irak.

Daher haben sie nur begrenzte Ressourcen, sich persönlich für andere Opfer politischer Gewalt einzusetzen. So hat beispielsweise in Ägypten die öffentliche Mobilisierung für die Sache der Palästinenser, die nach Ausbruch der zweiten Intifada 2000 enorm war, mit der Besetzung Iraks rapide abgenommen.

Mit seiner Vermutung, dass die eigenen politischen und religiösen Systeme mitschuldig sind an dem Erstarken des Terrorismus im Namen des Islams, steht der Intendant von „Al-Arabiya“ in der Öffentlichkeit bisher noch relativ allein da. Es besteht die Gefahr, dass die Tat von Beslan allgemein als das Werk von Individuen abgetan wird, die vom rechten Pfad der Religion abgewichen sind. El Raschid müsste den Mut haben, seine These nicht nur in einer von der Elite gelesenen Zeitung zu verbreiten. Er müsste sie im Hauptabendprogramm seines Fernsehsenders debattieren. Damit könnte er Millionen Menschen erreichen. So könnte es trotz aller widrigen Faktoren gelingen, eine breite und heilsame Debatte zu beginnen, um langfristig die Terroristen zu isolieren. Noch ist nicht sicher, wie weit in der arabischen Welt die Debatte über Terror und die Grenzen des Widerstands trägt.

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