Islam
Krampf in der Oper

Ach unsere lieben Kulturschaffenden! Ach unsere lieben Politiker! Wie mächtig legen sich alle ins Zeug für die Freiheit der Kunst, wenn sie irgendwo Unrat wittern.

Und nun hat die Intendantin der Deutschen Oper in Berlin nichts Eiligeres zu tun, als eine Mozart-Oper abzusetzen. Eine Politikerfront von PDS bis CSU fällt über sie her: Feigheit vor dem Feind!

Geschickt gespielt, kann man dem Berliner Senat nur sagen. Denn Landeskriminalamt und Innensenator haben der Intendantin nahe gelegt, die Aufführung abzusetzen, weil es anonyme Drohungen gegeben habe. Die arme Frau wollte kein Risiko eingehen und knickte ein – nicht vor dräuenden Muslimen, sondern vor einer Politikerriege, die sich nun einen schlanken Fuß macht. Wenn überzogenes Sicherheitsdenken sich breit macht und sogar auf die Kultur übergreift, ist wirklich Gefahr im Verzug – die Gefahr, sich lächerlich zu machen, aber auch die Gefahr, sich in eine Wagenburgmentalität zu steigern, die das unausweichliche Zusammenleben mit dem Islam noch erschweren, die Angst vor Muslimen steigern wird. Was für ein Spektakel: Die Oper setzt ab, während der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde klipp und klar sagt, hier gehe es um die Freiheit der Kunst und selbst wenn es Auseinandersetzungen gäbe, müsse man sie durchstehen.

In einer angesichts der immer lauter beschworenen „islamischen Gefahr“ Kopf stehenden Republik kommt es mittlerweile zu absurden Kurzschlussreaktionen. Warnungen der Sicherheitsbehörden sind wichtig, aber man kann seinen eigenen kritischen Verstand nicht an der Pforte des Landeskriminalamtes abgeben. Gibt es hier zu Lande keinen gesunden Menschenverstand mehr, der eine Mozart-Oper von bewussten Beleidigungen des Islams unterscheiden kann?

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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