Islam
Zeitbombe

Er hat den Koran als ein „faschistisches Buch“ bezeichnet und ihn mit Hitlers „Mein Kampf“ auf eine Stufe gestellt. Er will – nach eigenen Worten – einen „liberalen Dschihad“ gegen den Islam beginnen. Sein Film „Fitna“ könnte dafür der Grundstein sein und für die Niederlande zu einer äußerst gefährlichen Zeitbombe werden.
  • 0

Die Rede ist vom niederländischen Politiker Geert Wilders, dem Vorsitzenden der rechtsliberalen „Partij voor de Vrijheid“ (Partei für die Freiheit). Seit Jahren macht sich der Politiker mit dem blonden Lockenkopf einen Namen als Gegner des Islams, als Verfechter der niederländischen Kultur als „Leitkultur“. Er will die Burka verbieten und die Moscheen schließen lassen. Muslime haben seiner Meinung nach keinen Platz in den Niederlanden.

Jetzt hat Wilders einen Film gedreht. 15 Minuten ist er lang und nach Ankündigungen des Autors ein Werk gegen den Islam. Noch hat ihn niemand gesehen. Wilders lehnt es bisher ab, ihn der Anti-Terror-Behörde in Den Haag vorzuführen. Es ist deshalb schwierig, seine Sprengkraft zu beurteilen. Der Titel lässt jedenfalls nichts Gutes erahnen. Fitna soll im Arabischen so viel wie soziale Unruhe, moralisches Chaos und Anarchie bedeuten.

Wenn der Film, den Wilders auf einer extra dafür angemieteten amerikanischen Internetseite weltweit veröffentlichen will, auch nur in Ansätzen dem entspricht, was der Rechtsliberale bisher über den Islam gesagt hat, dann droht seinem Land ein ähnlicher Kampf der Kulturen, wie er vor knapp drei Jahren über Dänemark hereingebrochen ist. Damals veröffentlichte die Zeitung „Jyllands-Posten“ Karikaturen des Propheten Mohammed. Eine Welle von Todesdrohungen brach über die Redaktion herein. Mehrere islamische Länder verhängten ein Handelsboykott gegen Dänemark.

Den Niederlanden könnte es sogar noch schlimmer ergehen. Pakistan, Iran und Afghanistan haben bereits im Vorfeld angekündigt, alle wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen abzubrechen, sollte der Film veröffentlicht werden. Ein solcher Angriff auf den Islam sei nicht zu tolerieren, heißt es von den dortigen Staats- und Religionsführern.

Die afghanische Regierung rechnet mit einer massiven Verschlechterung der Sicherheitslage in dem sowieso schon instabilen Land. In mehreren afghanischen Städten demonstrierten bereits mehrere Tausend Menschen gegen den Wilders-Film. Holländische und dänische Flaggen wurden dabei verbrannt. In Den Haag fürchten die Politiker nun um die über 1000 niederländischen Soldaten, die im Süden Afghanistans, in der Provinz Uruzgan, stationiert sind. Auch sie bekamen bereits Todesdrohungen.

Die Europäische Kommission hat in der vergangenen Woche alle ihre Außenstellen über den Wilders-Film informiert und vor möglichen Auswirkungen auf die Sicherheitslage gewarnt. Aber auch im Inland brodelt es. Über eine Million Muslime leben in den Niederlanden. Zahlreiche muslimische Organisationen haben Wilders in den vergangenen Wochen zu Diskussionen eingeladen. Aber der Politiker hat immer wieder abgelehnt. Der Ärger unter den moderaten Muslimen wächst stetig.

In Den Haag wurde bereits die dritthöchste Sicherheitsstufe von vier möglichen ausgerufen. Die nationale Anti-Terror-Behörde will den Film vor einer öffentlichen Ausstrahlung sehen. Wilders lehnt dies aus Angst vor einem Verbot ab. Die niederländischen Politiker stecken daher in einem Dilemma. Einerseits wollen sie das Image der Niederlande als ein Land von Meinungs- und Religionsfreiheit verteidigen. Andererseits fürchten sie Anschläge und soziale Unruhen.

Wilders wühlt mit seiner Islam-Kritik in einer offenen Wunde. 2004 wurde der Filmemacher Theo van Gogh auf offener Straße von einem radikalen Muslim ermordet. Van Gogh hatte sich immer wieder negativ über den Islam geäußert und in seinem Film „Submission“ Koranverse auf nackte Frauenkörper schreiben lassen. Spätestens seit diesem Mord gilt die Meinungsfreiheit als höchstes Gut im Polderland. Premierminister Jan Peter Balkenende kritisiert deshalb zwar Wilders’ Film, räumt aber gleichzeitig ein, er könne ihn nicht von einer Veröffentlichung abhalten.

Dass Meinungsfreiheit einer der wichtigsten Werte unserer westlichen Gesellschaft ist und verteidigt werden muss, stellt niemand infrage. Dass Anschläge und Todesdrohungen als Reaktion auf Kritik inakzeptabel sind, auch nicht. Fraglich dagegen ist, ob es sein muss, dass Muslime mit Urteilen, die beleidigenden Charakter haben, provoziert werden müssen. In der weltweit ohnehin angespannten Atmosphäre könnte der Film der Tropfen sein, der das Fass erneut zum Überlaufen bringt.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Islam: Zeitbombe"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%