ISRAEL und DEUTSCHLAND
Selbstzufriedene Ignoranz

Zu seinem zweiten Besuch in nur 14 Monaten ist Israels Ministerpräsident Ehud Olmert in Berlin. Mitte März werden zum ersten Mal deutsch-israelische Regierungskonsultationen stattfinden, die sich künftig jährlich wiederholen sollen. Das zeugt von besonders engen Kontakten zwischen den Staaten.
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Wenn man all das zusammen nimmt, entsteht ein Bild intensiver und vertrauensvoller Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis. Und dieses Bild trügt nicht – solange es um die hohe Politik geht. Deutschland ist tatsächlich ein verlässlicher Verbündeter Israels. Aber diese Partnerschaft bewegt sich auf dünnem Eis. Als das Allensbach-Institut im Januar fragte, mit welchen Ländern die Bundesrepublik zusammenarbeiten sollte, landete Israel auf dem letzten Rang. Das ist nicht überraschend, wenn man weiß, dass rund die Hälfte der Deutschen den Staat als größte Gefahr für den Weltfrieden sieht.

Hinter diesen Ansichten muss man nicht unbedingt einen aggressiven Antisemitismus orten. Symptomatisch für das Israel-Bild vieler Deutscher ist vielleicht eher, was eine junge Frau am vergangenen Wochenende in einer Diskussion in Berlin sagte: „Israel mauert sich in seinem eigenen Gefängnis ein, so wie damals die DDR, aber hoffentlich wird auch diese Mauer fallen.“

Eingemauert, aggressiv, autistisch, selbstgerecht, autoritär, uniform sind die Attribute, die aus dieser Sichtweise zur israelischen Gesellschaft passen. Dabei könnte man es besser wissen. Nehmen wir nur als ein winziges Bruchstück den israelischen Film, der auf der gerade laufenden Berlinale mit einigen der bewegendsten, spannendsten, überraschendsten Produktionen überhaupt glänzt, die jeden Winkel der israelischen Wirklichkeit ausleuchten, keine Tabus und falschen Gewissheiten gelten lassen.

Beispiele gefällig? Jedem deutschen „Israel-Kenner“ möchte man Freikarten für „Shahida – Brides of Allah“ und „Lemon Tree“ schenken. In „Shahida“ dokumentiert Natalie Assouline die Geschichte junger palästinensischer Frauen, die in Israel im Gefängnis sitzen, weil sie Selbstmordattentate begehen wollten oder Suizid-Bombern geholfen haben.

Der wohlorganisierte islamistische Zirkel im Knast härtet die Frauen weiter, sie kommen entschlossener aus der Haft, die bei den meisten fünf bis sieben Jahre ausmacht, als sie reingingen. „Sieh mich nicht so an, ich bin kein Monster, ich habe ein Herz wie du, aber ich werde es wieder versuchen“, sagt eine von ihnen. Warum, fragt Assouline. „Weil wir die Juden töten müssen und so unsere kämpfenden Brüder in Afghanistan, im Irak und in Tschetschenien unterstützen“, ist die Antwort. Sie verstört ebenso wie die völlige Gleichgültigkeit der Gefängnisleitung. Die sieht es nicht als ihre Aufgabe an, die menschlichen Bomben dem Einfluss der Dschihadisten zu entziehen: Sie sperrt sie nur weg.

„Lemon Tree“ nimmt einen der Dauerkonflikte im Westjordanland in den Fokus: Enteignungen von Palästinensern durch israelische Militärbehörden. Der Film des israelischen Regisseurs Eran Riklis mit palästinensischen Hauptdarstellern denunziert die Sicherheitsmanie der Besatzungsbehörden, die den Zitronenhain einer alleinstehenden Palästinenserin als großes Risiko für den benachbarten Verteidigungsminister sehen und plattmachen wollen. Die Bäuerin wehrt sich, obwohl die palästinensischen Männer ihr nicht helfen und sie lediglich davor warnen, eine israelische Entschädigung anzunehmen.

Das arrogante Desinteresse der palästinensischen Behörden korrespondiert mit der Sturheit des israelischen Militärs. Doch einen Unterschied gibt es: Die israelischen Medien nehmen sich des Falls an, das oberste Gericht lässt ihn zur Verhandlung zu, und die Frau des Ministers schlägt sich auf die andere Seite. Aber es gibt kein glückliches Ende.

Filme wie diese machen deutlich, was an Israel einzigartig ist: eine Zivilgesellschaft, die nicht nur Juden, sondern auch Palästinensern ein Forum bietet, auf dem alles kritisiert und hinterfragt wird. Diese Produktionen würden die hier bestehenden Klischees über Israel ein wenig aufbrechen – wenn man sie sehen könnte. In die Kinos kommen sie so gut wie nie. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen übt Enthaltsamkeit: im ZDF lief 2007 kein israelischer Film. Schade, denn so wird die selbstzufriedene Ignoranz in Deutschland eher noch zunehmen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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