IT
Aschenputtel als Vorbild

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Wir schreiben das Jahr 2003. Nicolas Carr veröffentlicht im renommierten „Harvard Business Review“ einen Aufsatz mit dem provokanten Titel „It doesn’t matter“. Seine These: Informationstechnologie ist zu einer Massenware geworden. Ihr Einsatz hilft den Unternehmen nicht mehr bei der Differenzierung vom Wettbewerb. Den Unternehmenschefs stehen angesichts der großen Summen, die sie in die IT pumpen, die Schweißperlen auf der Stirn.

Vier Jahre später: Die Berater von A.T. Kearney befragen Top-Manager und Bereichsleiter. Das Ergebnis ist eine einzige lange Klage. Die Informationstechnologie kommt nicht mehr mit, hinkt den Bedürfnissen hinterher, sie wird zur Bremse der Unternehmen. Sechs Prozent Umsatzwachstum gehen alleine in Deutschland pro Jahr verloren, was A.T. Kearney auf satte 50 Milliarden Euro addiert. Eine geschätzte Zahl, die aber wachrüttelt.

Bremsklotz und langweilige Routine – was zunächst wie ein unüberbrückbarer Widerspruch aussieht, passt durchaus zusammen. Carr hat recht. Für sich betrachtet sind einzelne IT-Module, wie etwa die Finanzbuchhaltung oder das Personalmanagement, längst Massenware. Doch er irrt zugleich: In der Summe ist das aus diesen Bausteinen zusammen mit firmenspezifischen Anwendungen aufgebaute System durchaus kritisch für den Unternehmenserfolg. Die Berater von A.T. Kearney mögen ihre Aussagen zugespitzt haben. Doch im Kern sind sie korrekt.

Viele Unternehmen haben heute eine IT, die zu einem großen unflexiblen Koloss geworden ist und damit das Wachstum behindert. Ein Aufschrei der IT-Vorstände ändert daran nichts, ebenso wenig die einseitigen Schuldzuweisungen der Firmenchefs und Fachbereiche an die IT. Die Engpässe von heute sind eine Folge der hektischen IT-Investitionen von gestern, in den Zeiten der New Economy. Damals galt es, das Thema E-Business schnell zu besetzen. Gewaltige Summen wurden ausgegeben, und weil die Zeit drängte, baute man isolierte Systeme. Eine Einbindung in die restliche IT fand nicht statt, diese blieb auf der Strecke und an vielen Punkten hoffnungslos veraltet.

Das wurde nach dem Platzen der Internetblase nicht besser. Zwar verschwand der E-Business-Druck, doch mit ihm auch das Interesse an der IT. Fortan ging es allein um den sicheren Betrieb, um Routineaufgaben. IT war scheinbar nur noch ein Kostenfaktor. Eine gravierende Fehleinschätzung. Denn niemals zuvor war die Informationstechnologie für mehr Aufgaben verantwortlich als heute. Das beginnt mit dem Routinegeschäft, also der Verantwortung dafür, den Mitarbeitern, Partnern, Zulieferern und Kunden nahezu hundertprozentig zuverlässige Daten zu bieten. Schon das ist angesichts der durch Globalisierung oder Übernahmen immer komplexer werdenden Systeme eine Herausforderung.

Hinzu kommt das Thema Expansion. Immer schneller werden die Innovationszyklen. Im gleichen Maße, wie die Halbwertzeit neuer Ideen und Geschäftsmodelle sinkt, steigt der Druck auf die IT, neue Geschäftsideen zu entwickeln, beziehungsweise diese schnellstens umzusetzen. Damit nicht genug: Seit kurzem hat Kollege Computer noch eine Last dazubekommen: Corporate Governance und Risikomanagement. Eigentlich ein logischer Schritt. Da mittlerweile wirklich jeder Bereich von der IT abhängt, gibt es wohl auch kein besseres Vehikel zur Gefahrenabwehr als die IT.

Der Haken bei der Sache: Die IT-Abteilungen der meisten Unternehmen sind strukturell und kapazitätsmäßig nicht einmal im Ansatz in der Lage, alle diese anspruchsvollen Aufgaben zu erledigen. Nach wie vor üben sie sich vor allem in einem: den Betrieb mit immer weniger Geld aufrechtzuerhalten. Das zu ändern ist natürlich auch die Aufgabe des Chief Information Managers (CIO). Es ist aber zuallererst der Job der Managementspitze. Sie muss jetzt anhand der Unternehmensziele festlegen, welchen Beitrag die IT künftig überhaupt leisten soll. Denn wie bitte soll ein CIO seine Abteilung ausrichten, wenn er noch nicht einmal den Bedarf kennt?

Am Ende ist die Lösung des Problems keine Zauberei. Die Informationstechnologie muss endlich fester Bestandteil der Unternehmensstrategie werden. Dennoch sind das dicke Bretter, die es zu bohren gilt. Vielleicht hilft ja folgende Analogie: Bei Aschenputtel wird aus der Jugendlichen, die über Jahre nur Asche und Staub fegen darf, innerhalb kurzer Zeit eine hübsche Prinzessin, die ihren Prinzen findet und so das Einkommen der Familie sichert. Sicher, das ist ein Märchen. Doch die haben ja bekanntlich eine pädagogische Intention. Lernen wir also bei den Gebrüdern Grimm.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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