IT-Gipfel
Auf dem Abstieg

Die Erwartungen sind groß, ebenso die Klagen. Noch haben die Beteiligten des IT-Gipfels der Bundesregierung ihre Reise nach Potsdam nicht angetreten, da häufen sich schon die Misstöne.

Die Datenschützer fühlen sich ausgeschlossen, Gleiches gilt für die Vertreter freier Software. Auch inhaltlich gibt es Bedenken: Themen wie Verbraucherschutz oder Meinungsfreiheit im Netz kämen auf dem Spitzentreffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel viel zu kurz, monieren die Kritiker.Die Kritik ist berechtigt, sie zeigt aber auch das Dilemma solcher Gipfel: Will man einer Branche in voller Breite gerecht werden, wird die Veranstaltung ineffektiv. Lädt man nur Vertreter ausgewählter Segmente ein, werden Innovationsmöglichkeiten vergeben. Nun sollte das Gipfeltreffen mit der ITK-Branche (Informations- und Kommunikationstechnologie) nicht grundsätzlich verdammt werden. Schließlich signalisiert es die Bereitschaft der Politik, sich intensiv mit einer Branche auseinander zu setzen.

Das ist gut, vor allem, wenn es um so eine wichtige Industrie geht. Mit 800000 Beschäftigten ist sie eine der größten in Deutschland, größer etwa als die so viel beachtete deutsche Automobilindustrie. Innovationen bei Software, Hardware oder Telekommunikation sind mittlerweile in allen Industriezweigen der Motor für Wachstum. Experten schätzen, dass bis zu 80 Prozent der Produkt- oder Produktionsneuerungen maßgeblich durch die IT getrieben sind. Dennoch ist es zweifelhaft, ob ein Gipfeltreffen das richtige Instrument ist, um die deutsche ITK-Industrie voranzubringen. Die Probleme, die dort heute diskutiert werden, sind hinlänglich bekannt: zum Beispiel der massive Fachkräftemangel oder der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in vielen Bereichen. Eine Studie des World Economic Forum kommt zu dem Schluss, dass Deutschland unter den führenden ITK-Ländern auf Rang 17 steht. Vor gut einem Jahr befanden sich die Deutschen noch auf Platz 14.

Längst haben bei der Hardware Länder etwa aus Asien die Nase vorn. Dabei war es Konrad Zuse, der hier zu Lande den ersten programmgesteuerten Rechner erfand. Ähnlich sieht es bei der Software aus. Zwar haben wir mit SAP den weltgrößten Anbieter von Firmenprogrammen – was in den USA bezeichnenderweise als größter Betriebsunfall der heimischen Softwareindustrie gesehen wird. Aber jenseits dessen sieht es mau aus. Büroanwendungen, wie sie einst vom Elektronikkonzern Siemens angeboten wurden, haben am Ende den US-Konzern Microsoft groß gemacht. S kann ein Gipfeltreffen, sei es auch medial noch so wirksam, die ITK-Branche kaum aus ihrem Dilemma befreien. Was wir hier zu Lande brauchen, ist vielmehr ein Ende des Silodenkens auf Seiten der Firmen, aber auch der forschenden Institute und Hochschulen. Kaum eine andere Branche hat so lange versucht, sich durch abgeschottete Systeme die Konkurrenz vom Leibe zu halten und die eigenen stattlichen Margen zu sichern. Sicher, es ist nicht Aufgabe von Unternehmen, für Konkurrenz zu sorgen. Doch durch die fehlende Offenheit entstanden im Umfeld großer Konzerne wie etwa einer SAP viel zu wenige kleinere, innovative Firmen oder Spin-offs.

Andere Branchen sind hier weiter und haben längst eine Arbeitsteilung zwischen Zulieferbetrieben und Fertigung etabliert. In der IT-Industrie beginnt dieses Modell erst ganz allmählich Fuß zu fassen. Das muss schneller gehen, schließlich bilden die Spin-offs den Humus für die Innovationskraft und -geschwindigkeit eines Landes. Weitaus wichtiger ist freilich der Abriss sämtlicher Zäune um die Vorgärten von Hochschulen und Wirtschaft. Immer noch tun sich deutsche Universitäten und Forschungsinstitute schwer, ihre Ideen frühzeitig mit der Industrie zu teilen und zu diskutieren. Die deutschen Unternehmen wiederum trauen den externen Forschern nicht und wagen es zu selten, aus deren Ideen marktfähige Produkte zu entwickeln.

Das muss sich ändern. Der Zeitpunkt dafür könnte besser nicht sein. Themen wie Triple-Play, also das Zusammenwachsen von Internet, Telefonie und Fernsehen, werden sowieso die existierenden Grenzen einreißen und neue Partnerschaften erfordern. Vor allem hier kann und muss die Politik ansetzen. Forschungs- und Fördergelder müssen zielgerichteter und stärker an den Ausbau solcher kooperativer Ansätze zwischen Industrie und Wissenschaft geknüpft werden und bürokratische Hindernisse für Firmengründer aus dem Weg geräumt werden. Nur so lässt sich Deutschlands Schwäche, Gründerfirmen in eine Wachstumsphase zu bekommen, beseitigen. Das heutige Gipfeltreffen kann dafür hoffentlich ein paar Leitplanken setzen, mehr allerdings auch nicht.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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