IT-Industrie
Fluch des Billigen

Klagen die Computerhersteller immer noch oder schon wieder? Seit Jahren schimpft die PC-Industrie über den mörderischen Wettbewerb, über fallende Preise und Kunden, die den Wert der Informationstechnologie einfach nicht ausreichend honorieren.

In den letzten Wochen kam noch die Rezession dazu, mit der die Manager Werksschließungen und Entlassungen begründen konnten.

Es stimmt schon: Die Wirtschaftsflaute setzt den Computeranbietern in diesen Tagen schwer zu. Doch sie ist nicht der Grund dafür, dass viele Hersteller in dem Geschäft kaum noch Geld verdienen. Ausschlaggebend für die oft schon seit Jahren jämmerlichen Zahlen vieler Konzerne ist die Tatsache, dass die Kunden die Geräte kaum noch unterscheiden können. Deshalb kaufen Firmen sowie Privatleute hauptsächlich nach dem Preis.

Die Zahlen aus dem Weihnachtsgeschäft zeigen das ganze Ausmaß des Debakels. Auf den ersten Blick sieht die Statistik ja noch ganz gut aus. Trotz der Krise haben die Hersteller rund um die Erde etwa ein Prozent mehr Geräte ausgeliefert als im Vorjahr. Der Umsatz der meisten Hersteller ist nach Schätzungen der Marktforscher von Gartner aber drastisch zurückgegangen.

Ob Fujitsu Siemens oder Acer, ob Dell, Hewlett-Packard oder Medion: In den Notebooks und PCs der großen Hersteller stecken weitgehend identische Komponenten. Oft kommen die Rechner auch aus denselben Fabriken und unterscheiden sich nur in der Farbe des Kartons. Kein Wunder, dass den Kunden die Marken egal sind und sie allein danach auswählen, was die Geräte kosten.

BMW-Fahrer legen gerne einmal ein paar Tausend Euro mehr hin, um ein sportliches Fahrgefühl zu bekommen. Mit dem weiß-blauen Propeller auf der Motorhaube kaufen sie sich zudem ein Statussymbol. Wer auf der Party hingegen von seinem neuen Lenovo-Rechner erzählt oder vom IBM-Server schwärmt, der dürfte schnell alleine dastehen.

Doch das ist noch nicht alles. Die Produzenten haben in letzter Zeit sogar aktiv daran gearbeitet, dass die Kunden weniger Geld in die Computerläden tragen. Denn der jüngste Umsatzeinbruch hat auch etwas mit den beliebten Netbooks zu tun. Diese kleinen, tragbaren Computer kosten nur etwa die Hälfte dessen, was die Kunden für ein normales Notebook hinlegen müssen. Dabei sind sie ungemein praktisch. Die Minirechner sind leicht und verbrauchen wenig Strom. Wer nicht gerade komplexe Firmenprogramme darauf laufen lassen möchte, der ist mit den abgespeckten Notebooks gut bedient. So mancher Kunde dürfte erkannt haben, dass er den ganzen Firlefanz auf den normalen Notebooks gar nicht braucht.

Die Hersteller behaupten zwar steif und fest, dass die Netbooks in Industrieländern lediglich als Zweit- oder Drittgerät eingesetzt werden. Doch da könnten sich die Anbieter gewaltig täuschen. Für Millionen Konsumenten, ja sogar für viele Manager reicht völlig aus, was die Schrumpfcomputer so alles können.

Ein einziger Hersteller hat es bis jetzt geschafft, Emotionen beim Computerkauf zu wecken: Apple. Gewiss, die Produkte mit dem Apfel sind gut durchdacht und dazu noch schick. Doch sie werden auch - vielleicht sogar vor allem - gekauft, weil gewisse Leute einfach Apple haben wollen und dies dann auch stolz ihren Kollegen oder Freunden zeigen. Deshalb konnte sich der Konzern aus dem Silicon Valley bis zu einem gewissen Grad auch vom Preisrutsch im Rest der Branche absetzen.

Der Konkurrenz ist das natürlich nicht entgangen. Doch sämtliche Designoffensiven haben bis heute nichts genützt, die Produkte sind austauschbar wie eh und je.

Viele Produzenten haben sich in den vergangenen Jahren damit getröstet, dass sie zumindest in Schwellenländern wie Indien, China oder Russland neue Käufer anlocken können. Menschen, die noch nie einen Rechner hatten und deshalb zusätzliches Geschäft bedeuten. Doch die Hoffnung auf die neue Mittelschicht in diesen aufstrebenden Nationen schwindet derzeit mit jedem Tag. In der Wirtschaftskrise denken die Menschen eben zuallererst an die Güter des täglichen Bedarfs. Wer kann, der surft eben im Büro im Internet.

Es ist deshalb nicht viel Fantasie nötig, um eine weitere Konzentration im Computergeschäft vorherzusagen. Jeder zweite Rechner weltweit kommt momentan von den fünf größten Produzenten. Den Rest des Marktes teilen sich zahllose, oft auf bestimmte Regionen begrenzte Anbieter.

Ob groß oder klein: die Produzenten werden nur überleben können, wenn sie sich von den Konkurrenten unterscheiden und ihren Kunden einen erkennbaren Mehrwert bieten können. Außer Apple hat bis jetzt kein Konzern einen Weg gefunden, sich nachhaltig von der Masse abzusetzen.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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