IT-Industrie
Unter Strom

Es gab Jahre, da wurde über den Verkaufsstart einer neuen Version von Windows an den Stammtischen heftig diskutiert. Ganz anders im letzten Winter: Natürlich war Vista wieder ein Thema, aber vor allem in den Medien. Von öffentlicher Aufregung über das jüngste Betriebssystem von Microsoft war nichts mehr zu spüren. Die Menschen haben sich an die Programme des Softwarekonzerns gewöhnt wie an Marmelade zum Frühstück.
  • 0

Keine Frage, die IT-Industrie steht derzeit viel weniger im Licht der Öffentlichkeit als früher. Das heißt aber nicht, dass die Branche an Schwung verloren hat. Im Gegenteil: Viele Veränderungen finden heute lediglich hinter den Kulissen statt. Deshalb sind sie aber nicht weniger spektakulär als eine neue Windows-Version in den 90er-Jahren. Allein das Beispiel der großen Rechenzentren ist Aufsehen erregend. Denn zum ersten Mal machen sich die Betreiber jetzt wirklich Gedanken darüber, wie sie ihre teuren Anlagen effizienter einsetzen können. Das fängt an bei einer intelligenten Kühlung der hitzeempfindlichen Maschinen und hört auf bei der höheren Auslastung der Netzwerkrechner. Es ist schwer zu glauben, aber bis heute wird in der Regel nur ein Bruchteil der Leistung der Großcomputer tatsächlich genutzt. Als die Strompreise noch niedriger waren, hat das niemanden groß gestört. Das lag auch daran, dass die Stromrechnung in der Regel nicht an die IT-Abteilung ging, sondern an die Gebäudeverwaltung. Bei steigenden Energiekosten und der Debatte über Klimaschutz ist es mit der Verschwendung jetzt aber vorbei. Die Kunden wollen Lösungen, um den Stromverbrauch drücken und damit Geld sparen zu können.

Computerherstellern und Softwareanbietern wird dieser Trend mit Sicherheit über Jahre hinaus gute Geschäfte bescheren. Sie werden neue, leistungsfähigere Rechner an den Mann bringen, die weniger Strom verbrauchen. Und sie werden Software verkaufen, die für eine bessere Verteilung der Aufgaben unter den Maschinen sorgt. So könnten die Betreiber mit weniger Computern auskommen. Doch das ist noch nicht alles. Viel Freude macht den Firmen auch die neue Welt des Web 2.0. Die Anbieter von populären Internetseiten wie Google benötigen massiv Rechenleistung, schließlich müssen die vielen Millionen Zugriffe jeden Tag bearbeitet werden. Und damit ist es längst nicht getan: Die unzähligen Filmschnipsel auf den Videoportalen wollen alle gespeichert werden, was wiederum den Absatz von Speicherlösungen in die Höhe treibt.

Rechenzentren sind aber nur die eine Seite der Entwicklung. Die andere ist der zunehmende Hang der Menschen, ihre Computer überall hin mitzunehmen. Für die Mobilität gibt es gute Gründe: Wer beruflich viel unterwegs ist, der schätzt es, jederzeit auf alle seine Daten zugreifen zu können. Damit werden Telefonate und zahllose Wege ins Büro überflüssig. Vom Vertreter bis zum Monteur und dem Vielflieger gibt es Millionen Menschen, denen neue Notebooks mit mobilem Internetanschluss das Leben leichter machen, die gleichzeitig die Produktivität erhöhen. Selbst zu Hause und im Büro hat das Notebook Vorteile, weil es weniger Platz und Strom braucht. Für Computerhersteller und Softwareanbieter ist diese Entwicklung doppelt wichtig. Einerseits, weil sie dadurch dem rasanten Preisverfall bei PCs entkommen. Mit fest am Schreibtisch verankerten Rechnern ist kaum noch Geld zu verdienen. Die wahre Innovation liegt heute in mobilen Lösungen. Und für diese sind die Kunden auch bereit, in die Tasche zu greifen. Jedes Gramm, das die Geräte weniger wiegen, und jede Minute, die sie nicht an die Steckdose müssen, sind für die Nutzer Gold wert. Um sich von unterwegs einfach, schnell und zuverlässig ins Firmennetz einzuklinken, braucht es darüber hinaus spezieller Software.

Es bedarf wenig Phantasie, um vorherzusagen, dass auch Sicherheitsprogramme künftig noch viel wichtiger werden. Einerseits gilt es, sich gegen Viren zu schützen und seine Internetseiten vor Hackern zu bewahren. Andererseits müssen Daten verschlüsselt werden, damit die Notebooks von Mitarbeitern unterwegs nicht ausspioniert werden können. Nur eines wird sich für die Anbieter nicht ändern: Der Wettbewerb bleibt hart wie eh und je.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

Kommentare zu " IT-Industrie: Unter Strom"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%