Italien
Die Macht der Alten

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In den meisten europäischen Ländern soll das Alter für den Renteneintritt erhöht werden. Aber nicht in Italien. Dort leistet man sich einen absurdem Sonderweg: Zum Wochenende hat die Regierung unter Romano Prodi beschlossen, die noch unter Silvio Berlusconi eingeführte Rentenreform abzumildern. Sie war eine der wenigen Reformen, die Prodis Vorgänger durchsetzte. Und sie war richtig, auch wenn Berlusconi den Zeitpunkt der Umsetzung geschickt in die neue Legislaturperiode legte. Mit der Reform sollte das Renteneintrittsalter ab 2008 bei über 35 Jahre lang gezahlten Beitragszahlungen von heute 57 Jahren auf 60 steigen. Doch dem linken Flügel in der Koalition ging das zu weit. Er forderte einen deutlich langsameren Anstieg und Ausnahmen für besonders anstrengende Berufe.

Nun hat er seinen Willen bekommen. Wenn in diesen Tagen auch das Parlament zustimmt, steigt das Rentenalter langsamer als zuvor geplant. Das führt schon kurzfristig zu einer finanziellen Belastung in Milliardenhöhe. Noch verheerender sind aber die langfristigen Folgen. Denn Italien hat im Schnitt eine der höchsten Lebenserwartungen und eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Die Haltung des linken Flügels der Politik und der Gewerkschaften ist daher unverantwortlich gegenüber den jüngeren Generationen. Denn die werden eines Tages die Zeche bezahlen müssen.

Italien ist damit ein warnendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft schnell altert. Bei einer Wahlbevölkerung, deren Durchschnittsalter bei 46 Jahren liegt, stehen für die meisten Bürger nicht die Renten im Vordergrund, die in 30 oder 40 Jahren gezahlt werden. Sie denken vielmehr an jene Renten, die sie schon heute oder spätestens in elf Jahren beziehen. Dieses Interesse wird von der Regierung befriedigt.

Dabei sollte doch auch Italiens Politikern der Zusammenhang zwischen demographischer Entwicklung und der Rentenkasse bekannt sein. Dass die Alten immer älter werden, ist nicht zu beklagen und nicht zu beeinflussen. Aber auf die Umstände, die für die extrem niedrige Geburtenrate verantwortlich sind, kann der Staat durchaus Einfluss nehmen. In Italien wächst derzeit eine Generation heran, deren hoch qualifizierte Vertreter sich von einem schlecht bezahlten Zeitvertrag zum nächsten hangeln – im Grunde ist das eine neue Form von „Prekariat“. Eine ordentliche Familienplanung erlaubt dies kaum. Die Eltern dieser jungen Leute dagegen gehen, nachdem sie meist einen sicheren Arbeitsplatz hatten, heute mit Mitte 50 in den zurzeit noch recht gut bezahlten Ruhestand.

Die jüngere Generation wurde von der jetzt amtierenden Regierung zwar im Wahlkampf umworben, doch nun wird sie offenbar vergessen. Denn es handelt sich um eine zu kleine Gruppe, als dass sie den Ausgang von möglichen Neuwahlen entscheiden könnte. Auch Kinderbetreuung ist in Italien kein relevantes politisches Thema. Wirksame Hilfe für junge Familien gibt es so gut wie nicht.

Vielleicht liegt die verfahrene familienpolitische Situation auch am Alter der Politiker selbst. Im letzten Wahlkampf traten schließlich zwei Männer um die 70 gegeneinander an. Berlusconi hatte mit einem Seniorenticket geworben, mit dem Rentner umsonst ins Fußballstadion oder ins Kino fahren können.

Das Bild vom armen Rentner ist bei italienischen Politikern äußerst beliebt. Deshalb hat auch Prodis Regierung unabhängig von der Diskussion über das Renteneintrittsalter die Mindestrente gerade erhöht: Mehr als drei Millionen Rentner, die mit weniger als 654 Euro monatlich auskommen müssen, und weitere 300 000 Sozialrentner erhalten in Zukunft 420 Euro mehr pro Jahr. Das kostet rund 1,3 Milliarden Euro.

Sicher, es gibt in Italien erschreckend viele Menschen, die nur eine Rente von weniger als 654 Euro erhalten. Aber Fakt ist auch, dass mehr als drei Viertel der Italiener in den eigenen vier Wänden wohnen, also keine Miete zahlen müssen, und dass die Statistiken nur bedingt aussagefähig sind. Zudem wird Schwarzarbeit in Italien auf 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Oft kommt ein Nebeneinkommen aus Vermietungen hinzu – auch nicht immer offiziell.

Der Ökonom Massimo Baldini wies jüngst darauf hin, dass die Bezieher von Niedrigrenten, die jetzt von der Erhöhung betroffen sind, größtenteils nicht zu den ärmsten Bürgern zählen. Es sind vor allem die jungen Familien, die von Armut betroffen sind. Aber gerade diese gehen wieder einmal leer aus.

Gleichwohl gibt es von Seiten der jungen Menschen kaum Proteste. Abgesehen von der politischen Apathie der nachkommenden Generationen liegt dies auch an dem Paradox, dass gerade die Rentner in Italiens Familien ihren Enkeln finanziell unter die Arme greifen. Deshalb haben auch junge Leute ein Interesse an guten Renten für die Alten. Der ohnehin schon geringe politische Marktwert der Jungen sinkt damit weiter.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

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