Italien
Kommentar: Gauner und Held

Und wieder Berlusconi. Was im Ausland nur auf ein Kopfschütteln stößt, nehmen die Italiener gelassen zur Kenntnis: Silvio Berlusconi hat gute Chancen, als Sieger aus den Wahlen am Sonntag und Montag hervorzugehen und zum dritten Mal die italienische Regierung zu führen.
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Im Ausland als korrupte Witzfigur verlacht und verhasst, kann der Medienunternehmer und Politiker in der Heimat noch immer auf Bewunderung und Stimmen zählen. Das hat vor allem einen Grund: Wer gut verdient, ist unter Berlusconi besser gefahren. Dasselbe gilt für die vielen Italiener, die Steuern hinterziehen. Und das fängt im Kleinen an: Ob in der Bar, beim Frisör oder beim Steuerberater – oft wird auf die Quittung und damit auf die Angabe bei der Steuer verzichtet. Immer in dem Wissen: Die nächste Steueramnestie kommt bestimmt. Jedenfalls unter Berlusconi.

Romano Prodi hat versucht, dem einen Riegel vorzuschieben. Vor allem dank der Bekämpfung der Steuerhinterziehung hat er die Staatsfinanzen saniert. Doch beim gemeinen Wähler konnte er damit kaum punkten. Der hatte weniger Geld in der Tasche. Und ob Italien nun das Defizitkriterium von Maastricht einhält oder nicht, ist den meisten Bürgern egal. Die wenigstens machen sich Gedanken darüber, was es bedeutet, einen Schuldenberg von noch immer mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor sich herzuschieben – das war schließlich schon immer so.

Berlusconi steht für Erfolg und Unterhaltung, die Linke für miesepetrige Kritik und Gleichmacherei. Und Italiener sehen sich persönlich grundsätzlich eher auf der Seite des Erfolgs, wie Umfragen zeigen. Da mag etwa eine überwältigende Mehrheit der Kleinunternehmer davon überzeugt sein, dass Italiens Wirtschaft den Bach runtergeht. Aber über ihre eigene Zukunft gefragt, sind sie optimistisch. Sie gehen davon aus, dass sie selbst findig genug sind, besser als die anderen zu sein.

Deshalb bewundern sie auch einen Berlusconi: einen findigen Geschäftsmann, der zunächst als Bauunternehmer Erfolg hat, dann die Marktlücke des Privatfernsehens entdeckt und schließlich das größte Medienimperium des Landes aufbaut. Auch seine Fans wissen, dass er vor allem deshalb in die Politik gegangen ist, um sich mit maßgeschneiderten Gesetzen vor den Staatsanwälten zu retten. Aber auch das ist nur ein weiteres Zeichen ausgebuffter Intelligenz – und damit zu bewundern.

Berlusconi mag korrupt sein, aber er ist hochintelligent. Und er hat Charme. Manchmal ist es eher der Charme eines Gebrauchtwagenhändlers, etwa wenn er sich mit den schönen Frauen seiner Koalition brüstet. Aber es ist stets auch Selbstironie im Spiel. Berlusconi gibt den Berlusconi, den die Menschen von ihm erwarten.

Richterbestechung, Interessenkonflikt, Bilanzfälschung – na und? Persönliche Geradlinigkeit ist für viele Italiener kein Kriterium. Das zeigt auch der Erfolg des moderaten Christdemokraten Pierferdinando Casini, des Spitzenkandidaten der UDC. Mit der offenen Unterstützung der katholischen Kirche tritt er als Vertreter christlicher Werte an. Die Tatsache, dass er selbst einmal geschieden wurde, danach ein uneheliches Kind zeugte und die Mutter erst Jahre später heiratete, hält keinen davon ab, ihn zu wählen. Auch die ihm kritisch gegenüberstehenden Medien machen diese Inkonsequenz nicht zum Thema.

Sicher, es gibt auch in Italien eine breite Front der Berlusconi-Hasser, und die wird er nie gewinnen können. Aber gerade die Unentschiedenen lassen die persönlichen Makel bei ihrem Urteil beiseite. Für viele ist Berlusconi vor allem der Anti-Prodi. Wechselwähler, die sich beim letzten Mal für das Mitte-links-Bündnis von Prodi entschieden hatten, sind von seiner Regierung enttäuscht. Denn die hat vor allem die Steuereinnahmen erhöht, ohne die Staatsausgaben zu senken. Über einzelne gute Reformen – etwa die Liberalisierung verschiedener Berufsstände – kam Prodi nicht hinaus. Er scheiterte in seiner Neun-Parteien-Koalition am Widerstand der Kleinstparteien.

Berlusconi dagegen steht für eine starke Koalition aus drei Parteien: Forza Italia, Alleanza Nazionale und Lega Nord. Zudem kann er sich brüsten, dass er schon einmal fünf Jahre regiert hat – so lange wie noch nie eine Regierung zuvor. Er hat zwar auch kaum Reformen zustande gebracht, weil seine Koalition ebenfalls zerstritten war. Aber das sind Details, die im Wahlkampf untergehen. Berlusconi steht für Stabilität, Prodi – und damit die Linke – für Zerrissenheit.

Mit Walter Veltroni von der Demokratischen Partei hat Berlusconi zwar diesmal einen eloquenten Gegner, der ohne die linken Splitterparteien antritt. Aber seiner Partei haftet noch immer die Prodi-Vergangenheit an. Alleine ist sie zu schwach, um zu regieren. Berlusconi ist der starke Mann.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin

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