Italien
Taktik und Kalkül

Trotz seiner hinkenden Vergleiche mit Napoleon oder gar Christus kann Silvio Berlusconi von einer Auferstehung nur träumen. Schließlich hat eine genaue Überprüfung der von ihm angezweifelten Stimmzettel durch das Innenministerium den knappen Sieg von Romano Prodi bei der jüngsten Parlamentswahl nur bestätigt.

Doch für Berlusconi ist das noch längst kein Grund aufzugeben. Er klammert sich weiter fest an das Amt des Premiers, jedenfalls so lange, bis das zuständige Gericht in dieser Woche das offizielle Wahlergebnis verkünden wird.

Dieses Verhalten mag als Verzweiflungstat eines leicht größenwahnsinnigen Politikers erscheinen, der die Realität verkennt. Doch tatsächlich steckt dahinter eiskaltes politisches Kalkül: Denn je länger er die Zweifel an dem Wahlergebnis streuen kann, umso tiefer sitzt auch bei den Italienern der Zweifel an der Legitimation der neuen Regierung. Denn in einem hat Berlusconi Recht: Prodi ist nicht von der Mehrheit der Italiener gewählt worden, sondern hat seinen Sieg vor allem dem neuen Wahlrecht zu verdanken.

Zudem bietet Berlusconi, noch während er das Ergebnis anzweifelt, eine große Koalition an. Auch das ist eine Taktik, um die künftige Regierung zu schwächen. Denn sobald Prodi mit seiner bunt gemischten Koalition bei der Formierung seiner Truppen auf erste Probleme stößt, kann Berlusconi argumentieren: Hättet ihr mein Angebot angenommen, wäre das nicht passiert.

Schon im Wahlkampf hat Berlusconi beachtliches politisches Gespür gezeigt und noch kurz vor dem Urnengang überraschend viele Italiener auf seine Seite gezogen. Von der Bildfläche ist er jedenfalls nicht verschwunden. Auch wenn in dieser Woche offiziell Prodis Sieg verkündet wird, Berlusconi bleibt präsent. Mehr, als es Prodi lieb sein kann.

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