IWF
Analyse: Frischzellenkur

Die Finanzwelt erzittert vor der nach Ansicht des früheren Fed-Chefs Alan Greenspan „größten Krise seit 50 Jahren“. Aber die einzige globale Finanzinstitution, der Internationale Währungsfonds, ist abgetaucht.
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Das ist paradox, ja geradezu dramatisch. Während Top-Banken um ihre Existenz kämpften, taumelte der IWF am Rande der Irrelevanz. Sein Schweigen während der Finanzkrise war mehr als beredt.

Doch jetzt meldet sich der Fonds wieder zu Wort. Er hat ein Reformprogramm ausgearbeitet, das ihm neues Gewicht verschaffen soll. Der 1944 in Bretton Woods gegründeten Institution, die schon so viele Krisen abgewettert hat, steht eine Renovierung an Haupt und Gliedern bevor. Die Goldverkäufe, die sein Chef Dominique Strauss-Kahn, Generaldirektor seit November 2007, genehmigen lassen will, verleihen dem Fonds wenigstens wieder finanziellen Spielraum.

Der war dem IWF abhandengekommen, weil ihm die Kundschaft davongelaufen war. Schwellenländer wie Argentinien oder Indonesien, die sich nur mit Hilfe des Fonds aus den tiefen Zahlungsbilanzkrisen hatten retten können, brauchen den IWF heute nicht mehr. Der Boom der Weltwirtschaft, die Rohstoffhausse und eine durchgreifende Etatsanierung haben sie unabhängig vom ehemaligen Herzstück der Finanzwelt gemacht. Ihre Devisenreserven haben es ihnen ermöglicht, sich schneller vom Tropf des Fonds zu befreien, als es dem lieb sein konnte. Denn nun fehlten ihm die Einahmen aus Kreditzinsen. Der IWF hat diese Entwicklung spät erkannt und darauf halbherzig regiert. Noch im Herbst 2007 konnten sich seine 185 Mitglieder nicht auf Reformen einigen, die den Boomländern aus Asien und Lateinamerika mehr Einfluss verschafft. Denn deren Gewicht im Fonds entsprach schon lange nicht mehr den globalen wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen. Doch rechtzeitig zur Frühjahrstagung des Fonds steht jetzt die Reformformel.

Strauss-Kahn hat es binnen weniger Monate verstanden, eine Quoten- und Stimmrechtsformel zu entwickeln, die die Platzhirsche USA und Europa und die Emporkömmlinge gleichermaßen akzeptieren können. So werden China, Brasilien, Südkorea, Mexiko und Indien mehr Mitspracherechte erhalten, die Industrieländer indes zurückstecken. Damit wäre ein lähmender Konflikt vom Tisch. Und mit den Goldverkäufen über elf Milliarden Dollar wäre der Fonds auch wieder flüssig. Aber ob ihm jemals wieder die Rolle zufällt, die er während der Schuldenkrise in Lateinamerika oder der Finanzkrise in Asien innehatte, ist offen.

Eigentlich ist der Fonds ideal für die Überwachung und Koordinierung der internationalen Finanzströme geeignet. Keine andere Organisation verfügt über so viel Know-how, nirgends laufen so viele Daten über einzelne Volkswirtschaften zusammen. Und doch hat der Fonds bei der Bewältigung der Finanzkrise keine Rolle gespielt. Das liegt zum einen an den handelnden Personen. Strauss-Kahns Vorgänger, der Spanier Rodrigo de Rato, galt nicht gerade als entscheidungsfreudiger Macher. Zum anderen haben die Akteure in der Finanzkrise den Fonds links liegen gelassen, weil er mehr mit internen Problemen als mit seiner eigentlichen Aufgabe beschäftigt war. Das ist nun vorbei.

Strauss-Kahn fällt jetzt die politisch schwierige Aufgabe zu, dem Fonds wieder Gehör zu verschaffen. Er muss unter Beweis stellen, dass der IWF noch in der Lage ist, Fehlentwicklungen im globalen Finanzsystem rechtzeitig zu erkennen, ihre Folgen zu analysieren und seine Mitglieder zum Handeln zu bewegen. Gewinnt der Fonds diese Autorität nicht zurück, dann versinkt er endgültig in der Bedeutungslosigkeit.

Ein schlanker Fonds, der nicht an der eigenen Bürokratie erstickt, ein klares Aufgabenprofil, die Unterstützung seiner Mitglieder und die Neugewichtung der Quoten und Stimmrechte sollten auf das alte Schlachtross der Finanzwelt eigentlich wie eine Frischzellenkur wirken. Doch es wäre vermessen zu erwarten, dass die Reformen über Nacht greifen. Auch der IWF-Chef hat keine Patentrezepte zur Hand, wie man die Finanzkrise bewältigen und eine Rezession in den USA noch vermeiden könnte.

Aber er hat alle Mittel zur Hand, jetzt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Fonds wieder mehr Transparenz im komplizierten Geflecht der Globalisierung erzeugen kann. Und wenn alles klappt, wird er vielleicht die Vorboten der nächsten Krise erkennen. Mehr kann man nicht verlangen.

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