IWF
In der Sinnkrise

Mitten im Strom die Pferde zu wechseln, kann gefährlich sein. Auch für den Internationalen Währungsfonds (IWF) könnte die Auswechslung seiner Spitze kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen.
  • 0

Die europäischen Regierungen präsentieren mit Dominique Strauss-Kahn einen Nachfolgekandidaten für den vorzeitig zurücktretenden Rodrigo de Rato. Die im Währungsfonds grassierende Verunsicherung und Orientierungslosigkeit wird das kaum mildern.

Der 1944 von den Amerikanern gegründete Fonds macht angesichts fortschreitender Globalisierung der Finanzmärkte seit einigen Jahren eine Sinnkrise durch: Weil die aufstrebenden Weltregionen über immer höhere Kapitalüberschüsse verfügen, werden die mit Auflagen versehenen Kredite des IWF nicht mehr gebraucht wie noch im Fall der asiatischen Finanzkrise vor zehn Jahren.

So verlässt der Spanier Rodrigo de Rato vorzeitig eine globale Finanzinstitution, die von ihren Anteilseignern zu tiefgreifenden Anpassungen an die neuen weltwirtschaftlichen Realitäten und zu einer Neuausrichtung der Geschäftspolitik gezwungen wird. Hauptaufgabe des IWF ist neben der Förderung von Wachstum, der Prävention von Finanz-und Währungskrisen durch Kreditvergabe die Überwachung der Wechselkurspolitik seiner Mitglieder.

Primäres Ziel dabei ist die Vermeidung eines Abwertungswettlaufs. Als internationale Kooperationsplattform könnte ihm in der heutigen Welt globalisierter Kapitalmärkte wieder ein stärkeres Gewicht zukommen, nachdem in den letzten Jahren vor allem asiatische Länder durch massive Devisenmarktintervention eine Renaissance politisch administrierter Wechselkurse praktizieren. Weil allerdings die USA sich mit den größten Leistungsbilanzungleichgewichten über den Rest der Welt erheben, dürften sie in der Überwachungspolitik jeden IWF-Chef an der kurzen Leine halten.

Als Rato am 26 Juni erklärte, dass er aus „persönlichen Gründen“ vorzeitig Ende Oktober nach Spanien zurückkehren werde, löste das beim Fonds die bange Frage aus: Ist der IWF inzwischen so unwichtig geworden, dass Geschäftsführende Direktoren es nicht mehr als Ehre ansehen, die von 184 Ländern getragene Organisation mit ihren fast dreitausend Mitarbeitern zu führen? Dass Ratos Vorgänger, der Deutsche Horst Köhler, ebenfalls in der ersten Amtsperiode vorzeitig die IWF-Spitze verließ, um in Deutschland für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, ist noch nicht vergessen.

Zunächst müssen die Europäer nun für ihren Kandidaten die Amerikaner gewinnen. Und das ist keineswegs sicher. Für die Amerikaner ist die Besetzung des IWF-Chefposten schon deshalb wichtig, weil der neue Mann das tun muss, was Rato nicht wagte – nämlich die Mammutorganisation verschlanken und neu ausrichten. Der Währungsfonds, der heute 28 Milliarden Kredite an 74 Länder ausreicht und über ein Quotenkapital von 317 Milliarden Dollar verfügt, muss sich künftig stärker auf die globalen Überwachungsaufgaben konzentrieren.

Auch dürften sie den Kandidaten danach taxieren, wie dieser sich im Streit um Quoten und Stimmrechte verhält. Die Amerikaner drängen darauf, den Schwellenländern größeren Einfluss im IWF zu verschaffen – allerdings auf Kosten der Europäer. Als besondere Herausforderung sehen auch die Amerikaner den Umbau der von mächtigen Interessen geschützten Länder-und Regionalabteilungen. die immer noch die Organisation dominieren. Diese Bereiche sind zu restrukturieren, damit die auszuweitenden Überwachungsaufgaben ausreichend qualifizierte Experten frei werden.

Als Kandidat für die Rato-Nachfolge tauchte zunächst ein anderer Franzose, nämlich Osteuropabank-Präsident Jean Lemierre auf. Dafür sprach nicht zuletzt, dass die Amerikaner mit der Arbeitsweise des seit sieben Jahren in London amtierenden Lemierre aufs Beste vertraut sind. Der frühere langjährige Pariser Chef de Trésor hat die Londoner Osteuropabank sehr erfolgreich und im guten Einvernehmen mit den von den USA gestellten Vizepräsidenten geführt. Somit ist dieser Franzose für die USA eine bekannte Größe.

Am Beispiel des deutschen Kandidaten Caio Koch-Weser haben die Amerikaner gezeigt, dass sie nicht jeden Kandidaten für die Spitze des IWF akzeptieren, selbst wenn dieser die Unterstützung der Europäer hat. Erst im zweiten Anlauf kamen die Deutschen mit dem früheren Finanzstaatssekretär und Sparkassenpräsidenten Horst Köhler zum Zug.

So könnte Frankreich für den Fall, dass die Amerikaner wie im Fall des Deutschen Koch-Weser den europäischen Kandidaten Strauss Kahn ablehnen, einen zweiten Versuch mit dem Präsidenten der Osteuropabank wagen.

Kommentare zu " IWF: In der Sinnkrise"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%