IWF
In Ruhe abwägen

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Wenn sich die Finanzelite der Welt am Wochenende zur Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington trifft, geht es vor allem darum, erste Lehren aus der jüngsten Finanzkrise zu ziehen. Dazu bedarf es jedoch einer Standortbestimmung. Solange wir nicht wissen, ob der Sturm auf den Märkten bereits vorüber ist, können wir kaum den Kurs neu bestimmen. Dass Politiker bereits jetzt auf die Krise mit einer Flut von neuen Regeln reagieren wollen, ist daher kein gutes Zeichen. Ohne Kompass könnte dem scheinbaren Marktversagen schnell ein Politikversagen folgen.

Leicht wird die Standortbestimmung nicht. So hat sich zwar die Lage auf einigen Kreditmärkten entspannt. Unter den Banken herrscht jedoch noch immer tiefes Misstrauen, wie sich an dem hohen Niveau der Londoner Interbanken-Rate (Libor) ablesen lässt. Erste Zeichen der Entspannung gibt es auch auf dem Kreditmarkt für fremdfinanzierte Firmenübernahmen. Den Banken ist es in den vergangenen Wochen mit Sonderangeboten gelungen, Finanzierungspakete in Höhe von 30 Milliarden Dollar an Investoren weiterzureichen. Das sind jedoch nur zehn Prozent der offenen Buy-out-Kredite, die noch in der Pipeline stecken.

Nur wenig gelockert hat sich die Kreditklemme bei strukturierten Finanzprodukten wie verbrieften Hypothekenanleihen, für die es nach der Risikoflucht der Investoren immer noch keine Abnehmer und Marktpreise gibt. Sichtbar wird das vor allem auf dem kurzfristigen Markt für Commercial Paper, auf dem sich bankeigene Investmentvehikel für ihre komplexen Anlagen refinanzieren müssen. Obwohl die Banker an der Wall Street versichern, das Schlimmste sei überstanden, gründen drei US-Großbanken einen Rettungsfonds für illiquide Schuldtitel. Das passt einfach nicht zusammen.

So unklar die Lage auf den Fi-nanzmärkten bleibt, so verschwommen sind auch die Aussichten für die Weltwirtschaft. Der IWF rechnet zwar in seinem jüngsten Konjunkturausblick mit einem stattlichen globalen Wachstum von 4,8 Prozent im nächsten Jahr. Zugleich betonen die Ökonomen des Fonds jedoch, dass sich die Konjunkturrisiken erheblich erhöht hätten. Sollte sich die instabile Lage auf den Finanzmärkten wieder verschlechtern, könnten aus den fast fünf Prozent Wachstum schnell nur noch dreieinhalb Prozent werden. Vor allem die USA und Europa müssten dann kleinere Brötchen backen.

Was sollen die Finanzminister und Notenbank-Chefs also tun? Die Historie lehrt, dass auf Krisen meist politischer Aktionismus folgt. Später musste man dann viele gut gemeinte, aber schlecht durchdachte Reformen wieder rückgängig machen. So war das zum Beispiel nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Auch jetzt machen allerlei unausgegorene Vorschläge die Runde. Hedge-Fonds sollen an die Kette gelegt und Ratingagenturen zerschlagen werden. Der Wunsch nach einer stärkeren Kontrolle zieht sich wie ein roter Faden durch die Diskussion.

Zwar ist die Finanzkrise auch durch fehlende Regeln bei der Vergabe von Hypothekendarlehen ausgelöst worden. Die größten Probleme der folgenden Kreditklemme zeigen sich jedoch ausgerechnet im stark regulierten Bankensektor. Das sollten die Politiker im Kopf behalten, wenn sie sich jetzt an die Aufräumarbeiten machen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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