Japan
Unterschätzt

Deutschlands Unternehmer haben anscheinend wenig Zeit für Japan. Ein Drittel der Wirtschaftsdelegation, die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Asienreise begleitet, ist bereits aus China statt von Tokio zurück nach Deutschland geflogen.Da stellt sich die Frage, ob die Wirtschaft Japan nicht unterschätzt
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Das Land der aufgehenden Sonne hat sich auf kommende Herausforderungen wie die alternde Gesellschaft und die Konkurrenz aus China bereits eingestellt – und schafft es zugleich, mit den weltweit meisten Patentanmeldungen Innovationsführer zu bleiben. Schließlich gilt immer noch die Regel: Wer als Erster über neue Techniken verfügt und sie schnell in Produkte umsetzt, besteht auf dem Weltmarkt.

Noch 1993 herrschte Angst vor den „fleißigen Ameisen“ aus Nippon, die mit ihrem Handelsübeschuss weltweit auf Einkaufstour gingen. Aus Hollywood kam in jenem Jahr der Film „Rising Sun“ auf die Leinwände, der Japan als exotische und unbezwingbare Wirtschaftsmacht zeigte. Doch da hing Nippons Wirtschaft längst nachhaltig in der Rezession.

Im Jahr 2007 ist Japan weltgrößter Anbieter von Solarzellen, besitzt die meisten Patente für Energiesparprodukte, verfügt über die modernsten Fabriken für Flachfernseher und ist das einzige Land, in dem mehrere konkurrierende Firmen zweibeinige Roboter für den Haushaltseinsatz entwickeln. Bereits seit sechs Jahren wächst die Wirtschaft – und das Potenzial für Modernisierungen und Effizienzsteigerungen ist längst nicht ausgeschöpft. Doch den japanischen Partner in Ostasien behandelt die deutsche Wirtschaft, als stecke er noch in Stagnation und Bewegungslosigkeit fest. In japanischen Niederlassungen verdienen deutsche Firmen gutes Geld und verbrennen es dann in China, klagen Wirtschaftsvertreter.

Japan ist ein dankbarer Markt für deutsche Produkte. Japans Wirtschaft expandiert und investiert kräftig – und davon profitieren gerade Firmen im Maschinenbau und spezialisierte Industriezweige, etwa für Flüssigkristalle oder Beschichtungen. Und auch die japanischen Endkunden sind wie geschaffen für das, was Deutschland bietet. Sie wollen beste Qualität, dafür ist dann aber auch der Preis ziemlich gleichgültig. Firmen vor Ort berichten von traumhaften Margen. Tatsächlich wollen die Unternehmensvertreter Zahlen nicht an die große Glocke hängen. Schließlich sollen die Japaner nicht das Gefühl haben, übervorteilt zu werden. Unternehmen wie SAP, BMW oder Bayer – und fünfhundert weitere – machen in Japan jedenfalls gute Geschäfte.

Doch Japan bietet mehr. Eine kleine Industrie lebt vom Tourismus deutscher Manager ins Heimatland der ständigen Verbesserung, japanisch „Kaizen“ genannt. Schließlich will jeder so reibungslos und gewinnbringend produzieren wie Toyota oder Matsushita. Im Trendmarkt Japan tauchen Moden und neue Techniken Monate oder Jahre vor dem Rest der Welt auf. Grund dafür ist unter anderem, dass die japanischen Kunden futuristische Geräte verspielter sehen und einfach ausprobieren.

Die Liebe zu technischen Neuerungen ist es auch, die Japan im zuletzt erfassten Jahr 2005 abermals die meisten Patente hervorbringen ließ. Hier können selbst deutsche Unternehmen in konkreten Partnerschaften noch etwas lernen. Aus einigen dieser Projekte sind tiefgehende Kooperationen hervorgegangen. So arbeitet Carl Zeiss SMT mit Seiko Instruments bei der Anwendung von Nanotechnik zusammen.

Wer nicht vor Ort ist, bekommt von solchen Chancen nichts mit. Das gilt auch für Strategien im Umgang mit der Überalterung, die in Japan durchaus nicht nur als Katastrophe gilt, sondern als Chance, neue Märkte zu erschließen und die Gesellschaft neu zu organisieren. Frau Merkel trifft zwar heute Abend japanische Professoren, doch das Thema Wissenschaft und Technik steht nicht klar im Mittelpunkt ihres Besuchs.

Dabei leiten sich viele andere Fragen aus der Innovationskraft ab: Wer das Klima schützen will, ohne das Wirtschaftswachstum abzuwürgen, ist auf neue Techniken angewiesen. Da Deutschland und Japan gleichermaßen von selbstentwickelten Produkten leben, teilen sie auch ein Interesse am weltweiten Schutz geistigen Eigentums. Hier könnten sich Politik und Wirtschaft beider Länder durchaus zusammentun, um gegenüber Imitatoren wie China ihre Interessen durchzusetzen.

Klagen aus der deutschen Wirtschaftsdelegation, der japanische Markt sei schwer zu knacken, klingen angesichts des japanischen Werbens um Investoren geradezu unglaubwürdig. Sicher, es gibt Sprachhürden, und der japanische Kunde erwartet auch von ausländischen Anbietern umfassenden, an die eigene Kultur angepassten Service. Doch für diese Hürden gibt es professionelle Hilfen. Jedenfalls für jene, die Japan nicht links liegenlassen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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