Kanzlerurlaub
Kommentar: Arrivederci Rimini

Die schönsten Wochen des Jahres sind für einen Kanzler keine reine Privatsache. Das Volk und die vom ihm meistgelesene Zeitung mit den großen Buchstaben beäugen immer ganz genau, wo der Regierungschef seinen Urlaub verbringt.

Die schönsten Wochen des Jahres sind für einen Kanzler keine reine Privatsache. Das Volk und die vom ihm meistgelesene Zeitung mit den großen Buchstaben beäugen immer ganz genau, wo der Regierungschef seinen Urlaub verbringt. Normalerweise nutzen deutsche Kanzler das zu ihrem Vorteil. Die alljährlich wiederkehrenden Bilder von Helmut und Hannelore Kohl, die am Wolfgangsee hingebungsvoll Haus- und Nutztiere streicheln, sind uns unvergessen geblieben.

Auch Gerhard Schröder hat seinen Urlaub zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht – allerdings unfreiwillig. Ein römischer Staatssekretär, dessen Name bis vor kurzem selbst in Italien kaum jemand kannte, hat dem Bundeskanzler die Ferien an der Adria verdorben.

Das ist nicht nur für Ehefrau Doris ärgerlich, die ihren Urlaub nun im Reihenhaus in Hannover verbringen muss. Damit wird auch politisch einiges Porzellan zerschlagen.

Eigentlich sollten die Deutschen und ihre Regierung selbstbewusst genug sein, das dumme Gerede eines subalternen italienischen Politikers zu ignorieren. Der Kanzler hat mit der Absage seiner Urlaubsreise das Gegenteil getan: Er wertet die unsäglichen deutschlandfeindlichen Anwürfe des Italieners und damit auch dessen Partei, der Lega Nord, erst richtig auf.

Auf diese Weise schürt Schröder genau jene Ressentiments, die er dem italienischen Staatssekretär vorwirft. Zwischen zwei Staaten, die in der EU und in der Währungsunion eng zusammenarbeiten, darf so etwas nicht passieren. Schon Konrad Adenauer hat seine Ferien regelmäßig in Italien verbracht. Man muss sich sehr wundern, dass Schröder das ein halbes Jahrhundert später nicht mehr für möglich hält.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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