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Keynes ist tot - es lebe Keynes!

Harald Uhlig schrieb in dieser Zeitung zum 60. Todestag des großen Ökonomen: „Keynes ist tot“, und zwar „schon sehr lange“.

Doch am 14. Februar dieses Jahres bestand Gelegenheit, Keynes vor dem Bundesverfassungsgericht wieder zu erleben, als der Vertreter des Bundesfinanzministeriums alle Register zog, um nachzuweisen, das Haushaltsdefizit 2004 von 44 Milliarden Euro sei sachgerecht im Sinne von Keynes gewesen. Für Wissenschaftler waren dies alte Bekannte. Schon 1936 ruhte Keynes’ Lehre vom Deficit-Spending auf einem ganz dünnen Brett: einem von ihm nicht näher begründeten, aber dennoch als „fundamental“ bezeichneten „psychologischen Gesetz“, wonach der Konsum hinter dem Produktionspotenzial zurückbleibt und daher durch staatliche Ausgabenpolitik gestützt werden muss. Kurz: eine vage Hypothese, ein einziger Satz. Aber er hat die Welt verändert.

In drei großen Schritten haben nachfolgende Ökonomen Keynes’ Lehre aufgearbeitet und weiterentwickelt. Als Erster widerlegte Milton Friedman in den fünfziger Jahren das „psychologische Gesetz“, indem er zeigte, dass das Konsumverhalten rationaler Individuen nicht von ihrem laufenden, sondern von ihrem Lebenseinkommen abhängt und dass daher aus der Konsumfunktion kein Grund für Unterkonsumtion und Konjunkturkrisen abgeleitet werden kann. Solche Krisen entstehen nach Friedman vielmehr aus exogenen Schocks sowie aus Politikfehlern. Die Individuen verstärkten diese Krisen, weil sie die daraus folgenden Veränderungen zwischen Geld- und Reallöhnen nicht unmittelbar wahrnehmen und Fehlentscheidungen treffen. Um diese Gefahren gering zu halten, solle der Staat keinen konjunkturpolitischen Aktivismus betreiben, sondern für eine langsame Expansion der Geldmenge sorgen. Jede Stop-and-go-Politik würde mehr Zyklen erzeugen als dämpfen.

Zweitens fand Robert Lucas in den siebziger Jahren, dass die Individuen sich rational nicht wie bei Friedman rückblickend, sondern vorausblickend an neue Situationen anpassen. In rationalen Erwartungen antizipieren sie die kommende Wirtschaftspolitik. Die Regierung kann daher nicht von einer festen Struktur der Volkswirtschaft ausgehen und in diese mit ihrer Politik eingreifen. Sobald die Regierung hierzu ansetzt, passen die Individuen ihr Verhalten an. Beispielsweise reagieren die Gewerkschaften auf staatliche Ausgabenprogramme mit aggressiveren Lohnforderungen. Sie verändern die Struktur der Wirtschaft und machen die Politik wirkungslos. Angekündigte Ankurbelungsprogramme erschöpfen sich in Preissteigerungen. Reale Wirkungen entfalten sie nicht. Nur unerwartete Eingriffe könnten eine Wirkung erzeugen.

Drittens ziehen Finn Kydland und Edward Prescott daraus die Konsequenz: Wenn staatliche Ausgabenprogramme (also fiskalisch-monetäre Schocks) nicht mehr wirken, bleiben nur noch reale Faktoren wie große Erfindungen, Naturkatastrophen oder unerwartete große politische Ereignisse als denkbare Störungen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts. Doch solche „reale Konjunkturzyklen“ sprechen schwerlich für staatliche Ausgabenprogramme. Bei technischen Neuerungen haben die Individuen ein Interesse, sich bestmöglich anzupassen. Ebenso suchen sie sich von veralteten Technologien zu trennen. Der Konjunkturartikel 115 des Grundgesetzes ist „ökonomisch“ obsolet. Die beste Konjunkturpolitik besteht darin, den Marktmechanismus zu „ölen“, d.

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