Kirche
Der Vatikan hat ein Kommunikationsproblem

Die Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche ist ein Debakel. In der peinlichen Diskussion um den Holocaust-Leugner Williamson zeigt sich, wie schwer es ihr fällt, unter den Bedingungen der Mediendemokratie zu agieren. Was der Vatikan tun muss, um PR-Katastrophen zukünftig zu verhindern.
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In seinen Geistlichen Übungen schreibt Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens: "Was meinen Augen weiß erscheint, halte ich für schwarz, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt." Trotz Aufklärung und Moderne lebte dieser Satz in der katholischen Kirche weiter, bis heute: die Vorstellung einer eigenen Wahrheit, die nicht diskutier- oder revidierbar ist, jenseits der Wahrheiten "draußen". Dies ist der tiefere Grund, warum die Kirche noch immer überfordert ist, unter den Bedingungen des Medienzeitalters zu agieren, wie der Fall Williamson sehr deutlich zeigt.

Bilder von Weltjugendtagen und Massen-Messen täuschen. Johannes Paul II. erfand diese medialen Formen zwar, aber hier geht es nicht um einen öffentlichen Dialog, wie ihn die Mediendemokratie kennt, sondern um Vermittlung - von oben. Auch der Vatikan-Auftritt bei Youtube lässt genau das vermissen, was die Internetgemeinde eigentlich sonst schätzt: den schonungslosen Wortwechsel beziehungsweise Clip-Austausch im Netz.

Nun gibt es in der Mediengesellschaft ein Grundgesetz: Wer sich in sie begibt, ist ihr auch ausgesetzt. Für jedes Unternehmen, jede Regierung klärt sich die Frage, ob sie mediengerecht aufgestellt sind, spätestens im Krisenfall. Hier hat die katholische Kirche schon oft versagt, etwa bei Vorwürfen gegen pädophile Priester oder beim Entzug von Lehrbefugnissen. Der Höhepunkt aber dürfte jetzt mit der Holocaust-Affäre erreicht sein.

Sie zeigt, dass die Kirche ganz offensichtlich nicht über die Strukturen verfügt, die Kommunikation wirklich ermöglichen. Das fängt beim Sprecher des Vatikans an, der vom Zirkel der Macht denkbar weit entfernt ist, auch nicht über den entsprechenden kirchlichen Rang verfügt. Zwar hat nicht jedes Unternehmen die Kommunikation im Vorstand angesiedelt, aber dass es kontinuierlich eine Nähe zur Führung als Stabsfunktion geben muss, ist unstrittig. Die Politik hat das längst gelernt.

Alles amtliche Handeln im Vatikan bis hinunter in die Bistümer auf der ganzen Welt ist jedoch in keiner Weise auf Öffentlichkeit angelegt. Regierungsgeschäfte werden wie in Zeiten des Absolutismus eher in Vier-Augen-Gesprächen abgewickelt, Kurien-Kabinettssitzungen gibt es nicht. Gerade in diesem Zwischenraum aber setzen ja oft die Medien an, kanalisieren Meinungen und Widerstände. Bischof Williamson wäre ihnen sicherlich aufgefallen.

Niemand wird der katholischen Amtskirche verübeln, wenn sie versucht, Kernwahrheiten und Einheit zu bewahren. Doch was spricht dagegen, einige Elemente der Introversion zu mildern? Wer mehr preisgibt, mehr Öffentlichkeit zulässt, riskiert zwar auch eher Kritik. Doch der ganz tiefe Fall bleibt vielleicht aus.

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