Klimakonferenz
Extrem steiniger Weg

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Von der Uno-Klimakonferenz auf Bali wird in den kommenden zwei Wochen die entscheidende Weichenstellung für die internationale Klimaschutzpolitik der nächsten Jahre erwartet. Am Ende der Veranstaltung dürfte die Erkenntnis stehen, dass der Kampf gegen den Klimawandel weitaus entschlossener geführt werden muss als bislang – mit spürbaren Konsequenzen für jeden Einzelnen. Die Politik schreckt aber davor zurück, diese Konsequenzen exakt zu benennen.

Wir werden uns an ehrgeizige Ziele gewöhnen müssen. Es ist die einhellige Auffassung des allergrößten Teils der Wissenschaft, dass die Treibhausgasemissionen bis 2050 weltweit gegenüber dem Niveau von 1990 um 50 Prozent sinken müssen, wenn eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau verhindert werden soll. Das allein stellt ohne Frage einen Kraftakt dar. Für die Industrieländer geht es sogar noch um weitaus mehr. Sie müssen ihre kohlenstoffbasierte Form des Wirtschaftens komplett umstellen und bis 2050 Reduktionen von 80 Prozent erreichen. Nichts anderes predigt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel seit Monaten immer wieder – wenn auch in leicht verklausulierter Form. Sie strebt langfristig nach einem weltweit einheitlichen Pro-Kopf-Wert: Die Treibhausgasemissionen eines Landes sollten den Wert von zwei Tonnen Kohlendioxid je Einwohner nicht überschreiten, fordert die Kanzlerin. Bezogen auf Deutschland bedeutet das nicht anderes, als den Wert von derzeit gut 10 Tonnen pro Kopf um mehr als 80 Prozent zu senken.

Der in der vergangenen Woche verabschiedete Entschließungsantrag der großen Koalition vermeidet es, das 80-Prozent-Ziel ausdrücklich zu erwähnen. Zwar fordern die beiden Fraktionen die Bundesregierung auf, „Impulsgeber für den Klimaschutz zu sein und die Umsetzung der Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls weiter voranzutreiben“. Bei der Benennung konkreter Zielvorgaben bleiben die Parlamentarier aber vage; sie begnügen sich mit dem Hinweis auf das weltweite 50-Prozent-Ziel. Dahinter steckt der in der Unionsfraktion verbreitete Gedanke, man müsse zunächst die Zielvorgaben vergangener Jahre erfüllen, ehe man die Menschen mit neuen, noch ehrgeizigeren Werten verschrecke. Auch die EU-Kommission ist vorsichtig. „Die EU schlägt vor, dass die Industrieländer ihre Emissionen bis 2050 um 60 bis 80 Prozent“ reduzieren, heißt es in einer Mitteilung der Kommission nur. Man wird sehen, ob die Bundesregierung oder die EU-Kommission auf Bali den 80-Prozent-Wert lauthals postuliert – oder ob man eher zurückhaltend bleibt, um den Verhandlungsprozess nicht zu gefährden. Den Mitgliedern der US-Delegation dürften sich allein bei dem Gedanken an den 80-Prozent-Wert die Nackenhaare sträuben. Und das von Klimaschützern wie Angela Merkel angestrebte Pro-Kopf-Emissionsbudget von zwei Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ist aus Sicht der Amerikaner aus einer anderen Welt: Sie überschreiten diesen Wert im Moment noch um den Faktor zehn.

Wer die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nimmt, kommt an dem 80-Prozent-Ziel für 2050 aber nicht vorbei. Die Anpassungskosten werden enorm sein. In der deutschen Wirtschaft hat sich zwar längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Klimaschutz auch große Chancen birgt. Reduktionsziele von 30 Prozent erscheinen aus Sicht der Unternehmen mittlerweile nicht mehr unrealistisch oder völlig unbezahlbar. Angesichts stetig steigender Preise für Öl und Gas sehen die Kostenkalkulationen für Maßnahmen zur Effizienzsteigerung heute völlig anders aus als noch vor einem Jahr. Bis zu einer Reduktion von tatsächlich 80 Prozent ist der Weg aber extrem steinig und kostenträchtig.

Für die Politik war der Klimaschutz in letzter Zeit ein Gewinnerthema. In Zukunft geht es jedoch um die Transformation von Sonntagsreden in politische Beschlüsse, in den grauen Alltag. Bereits in dieser Woche wird die Bundesregierung mit der Verabschiedung des ehrgeizigen Energie- und Klimapakets einen Vorgeschmack auf das geben, was uns in den nächsten Jahren bevorsteht. Es erhöht unter anderem drastisch die Anforderung an die Wärmedämmung von Wohngebäuden. Sicherheitshalber bremst die Regierung aber schon mal den rhetorischen Eifer und sagt nicht mehr die ganze Wahrheit. Konsequent ist das nicht.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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