KLIMAPOLITIK
Zweite Front

Die erste Front im Kampf um die Klimapolitik ist gefallen.

Jahrzehntelang ging der Streit darüber, ob es überhaupt ein Klimaproblem gibt. Inzwischen herrscht überraschend Einigkeit, wie sich zuletzt auf dem Gipfel der EU-Staaten zeigte: Ja, das Problem ist real, es ist keine Erfindung von grünen Aktivisten oder risikoscheuen Rückversicherern.

Ab jetzt, das wird sich auch beim Treffen der Umweltminister der großen Industriestaaten (G8) heute und morgen zeigen, gibt es einen neuen Frontverlauf. Die Strategie der bisherigen Problemverdränger lautet: Wenn sich Erkenntnisse nicht leugnen lassen, muss man zumindest verhindern, dass daraus Konsequenzen gezogen werden.

Schon bei der alten Diskussion gab es eine Menge Verwirrung. Das prominenteste Argument der Beschwichtiger lautete: Es gibt keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Klimaveränderungen auf menschlichen Einfluss zurückzuführen sind. Dabei weiß jeder, der es wissen will, dass Klima ein chaotisches Geschehen ist und Kausalzusammenhänge dort niemals eindeutig zu beweisen sind – auch nicht, wenn wir irgendwann zum Badeurlaub nach Grönland fliegen.

Schon jetzt ist abzusehen, dass die neue Auseinandersetzung nicht viel sauberer geführt wird als die alte. Eine beliebte Taktik, um gegen eine konsequente Klimapolitik zu argumentieren: Man redet das Problem klein. Vergleichen wir zum Beispiel den Ausstoß deutscher Sportwagen mit den klimaschädlichen Emissionen weltweit – das klingt dann lächerlich wenig. Oder setzen wir den möglichen Effekt eines Tempolimits in Relation zu den Klimazielen der gesamten EU – das fällt dann auch kaum ins Gewicht.

In Wahrheit ist natürlich das Klimaproblem so geartet: Viele kleine Ursachen tragen dazu bei, es gibt nicht den einen Übeltäter, der an allem Schuld wäre. Wenn man dann jede einzelne Ursache für unbedeutend erklärt, verhält man sich so wie die Leute, die nie zur Wahl gehen, weil eine Stimme mehr oder weniger ohnehin nicht ins Gewicht fällt.

Variante zwei: Man stellt falsche Alternativen auf. Sollte man tatsächlich weniger fliegen? Viel besser wäre doch, die Triebwerke der Flugzeuge weiterzuentwickeln. Wollen wir wirklich den Autoherstellern Vorgaben machen, statt an die Vernunft der Autokäufer zu appellieren? Bringt es nicht mehr, Häuser zu dämmen als Glühbirnen auszutauschen? Und so weiter und so weiter. Der rhetorische Trick ist uralt und zieht in der medialen Öffentlichkeit ganz gut, dabei ist er leicht durchschaubar. Wer hindert einen daran, jeweils beides zu tun? Zum Beispiel weniger zu fliegen und trotzdem die Technik weiterzuentwickeln. Die „Alternativen“ sind so intelligent, als wenn man fragte: Soll man aufhören zu rauchen oder zu saufen?

Natürlich muss man die Bedenken der Unternehmen ernst nehmen. Für manche, etwa den Sportwagenbauer Porsche, eine Perle der deutschen Industrie, könnte die Klimadebatte ein Riesenproblem werden. BMW und Mercedes dürften auch große Schwierigkeiten bekommen. Und an den Billigfluglinien hängen jede Menge Jobs, vor allem bei den Flughäfen, etwa dem in Köln-Bonn, die durch sie einen Schub bekommen haben.

Man darf jedoch auch nicht übersehen, dass es Profiteure gibt: die in Deutschland sehr starken Anbieter alternativer Energie zum Beispiel. Oder der heimische Tourismus, falls tatsächlich der eine oder andere Urlauber zum Entspannen an die Ostsee fährt, statt nach Thailand zu fliegen.

Machen wir zum Schluss ein unbequemes, kleines Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, die Europäische Union würde tatsächlich für Verbrennungsmotoren in PKWs eine Obergrenze von 80 PS festschreiben. Was wären die Folgen? Nun, die Autos würden langsamer fahren. Sie würden weniger Benzin verbrauchen und weniger die Luft verschmutzen. Manch einer würde das Auto häufiger stehen lassen – und vielleicht stattdessen fliegen, was sicher kein Gewinn wäre. Der Hybridmotor würde rasch zum Standard, weil sich damit auch 80-PS-Benziner ganz gut aufmotzen lassen. Die Hersteller müssten ihre Produktpaletten und ihr Marketing umkrempeln. Porsche würde vielleicht Sportwagen in Leichtbauweise entwerfen, die mit einem Superhybrid auf kurzen Strecken immer noch abgehen wie eine Rakete.

Alles in allem: Es wäre schon eine gewaltige Veränderung, es gäbe große Probleme, aber die Welt würde nicht untergehen. Die deutsche Autoindustrie würde überleben; die Straßen wären sicher immer noch verstopft. Keine Angst: So eine starre Regel wird es niemals geben, selbst wenn Jürgen Trittin überraschend zum EU-Umweltkommissar befördert würde. Aber ein bisschen nachdenken schadet ja nicht.

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