Klimawandel
Handfeste Fragen

Jahrelang war das Thema Klimawandel der Graswurzel-Ebene zuzuordnen, mittlerweile hat es die Vorstandsetagen erreicht. Das hat nichts mit Emotionen, ja nicht einmal zwingend mit gewachsenem Verantwortungsbewusstsein zu tun.

Der Grund ist ein ganz banaler: Die Finanzmärkte haben erkannt, dass der Klimawandel für einzelne Unternehmen oder ganze Branchen spürbare Auswirkungen haben kann. Jeder Manager tut daher gut daran, das Thema mit in seine strategischen Entscheidungen einzubeziehen. Sonst wird er von den Börsen abgestraft. Parallel dazu wächst die Erkenntnis, dass es nützlich sein könnte, etwas gegen die globale Erwärmung zu tun. Längst treiben nicht mehr Umweltschützer und Wissenschaftler das Thema voran. Nehmen wir Joachim Faber, Vorstandsmitglied der Allianz. Der Manager ist sich sicher, dass sich der Klimawandel „in Zukunft direkt und massiv auf die Weltwirtschaft, die Kapitalmärkte und letztlich auch auf das Vermögen der Aktionäre“ auswirkt. Seine Schlussfolgerung: Ein Investor, der die langfristige Notwendigkeit nachhaltiger Investments berücksichtigt, ist „kein Gutmensch, sondern ein überlegt maximierender Ökonom“. Direkte Auswirkungen auf die Performance eines Unternehmens dürften in der Tat das überzeugendste Argument für ein Umdenken in der Frage des Klimaschutzes sein.

Dass gerade die Versicherungswirtschaft in dieser Frage an der Spitze der Bewegung steht, kommt nicht von ungefähr. Die Auswirkungen von Naturkatastrophen schlagen sich unmittelbar in den Ergebnissen der Unternehmen nieder. Die Branche hat sich in den vergangenen Jahren bereits intensiv mit Fragen des Klimaschutzes auseinander gesetzt – und malt ein düstereres Bild als mancher Wissenschaftler. So wirft etwa die Münchener Rück mit Blick auf die Schäden, die in den Jahren 2004 und 2005 durch Stürme und Überschwemmungen entstanden sind, die Frage auf, ob die Klimaforscher in ihren Prognosen möglicherweise zu zurückhaltend waren.Die Erfahrungen, die die Assekuranz jetzt schon bei der Schadensregulierung macht, sensibilisieren die Versicherungswirtschaft auch auf der anderen Seite ihres Geschäfts, also bei der Suche nach Anlagemöglichkeiten. Die Versicherer schauen heute sehr genau darauf, ob sich ein Unternehmen, dessen Aktien sie kaufen, mit den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit auseinander setzt.

Auch für andere Branchen hat das Thema längst praktische Relevanz. Nehmen wir die Energieversorger. Für sie sind der Energiemix der Zukunft, die künftige Rolle der Kernenergie und die Ausgestaltung des Emissionshandels natürlich von ganz grundlegender unternehmensstrategischer Bedeutung. Es lohnt sich aber, einen einzelnen, sehr konkreten Aspekt zu beleuchten. Er verdeutlicht, dass das Thema im Unternehmensalltag greifbare Realität geworden ist: Der staatliche britische Wetterdienst hat im Sommer eine Studie präsentiert, die sich mit der Frage befasst, in welchem Umfang steigende Temperaturen zusätzliche Investitionen der Energieerzeuger erforderlich machen. Schon leicht steigende Temperaturen schränken nämlich die Transportkapazitäten von Hochspannungsleitungen ein. Zugleich arbeiten Kraftwerksturbinen bei höheren Temperaturen weniger effizient. Die Folgen sind klar: Die Unternehmen müssen sowohl im Netzbereich als auch in der Stromerzeugung mehr Geld in die Hand nehmen – und zwar nicht in 30 oder 50 Jahren, sondern in allernächster Zukunft. Betroffen sind alle Versorger, es geht um Milliardenbeträge.

Die greifbare, messbare ökonomische Dimension des Themas wird der Debatte über den Klimawandel auf Dauer zu neuer Qualität verhelfen. Es besteht zudem die Chance, eine leidige Grundsatzdebatte zu beenden: Seit Jahren wird darüber gestritten, ob es denn nun sinnvoller ist, die Ursachen der globalen Erwärmung zu bekämpfen – oder besser deren Folgen. Natürlich muss beides geschehen. Die Wirtschaft wird dazu beitragen, pragmatische und effiziente Wege zu finden. Dagegen dürfte die Frage, ob der Meeresspiegel bis zum Zeitpunkt X um 20 oder gar um 50 Zentimeter ansteigt, künftig mehr und mehr in den Hintergrund rücken.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%