Koalitions-Varianten
Spiel der Farben

Nach der Wahl spielen die Parteien auch bislang für unmöglich gehaltene Koalitionsvarianten durch: Schwarz-Rot, Rot-Schwarz, eine schwarze Ampel aus Union, FDP und Grünen sowie eine rote Ampel aus SPD, Grünen und FDP sind angedachte Konstellationen. Vier Szenarien, wie es dazu kommen könnte.

Variante 1 - Merkel fängt die Grünen ein

Am schnellsten haben Sonntagabend der CDU/-CDU-Fraktionsvize Wolfgang Schäuble und die CSU die Zeichen der neuen Zeit erkannt. Um regieren zu können, muss die Union die politische Farbenlehre neu erfinden. Angela Merkel muss eine so genannte "Jamaika-Koalition" zusammenstellen. Und deshalb wirbt der Stoßtrupp dieser Lösung am Wahlabend um die Grünen. "Die Partei hat sich gut entwickelt", findet etwa CSU-Landesgruppenchef Michael Glos. Nachdem Grünen-Spitzenkandidat Joschka Fischer vorsichtig mit dem Versuchsballon umgeht und ihn nicht gleich platzen lässt, wittert die Unionsführung, dass hier etwas geht.

Die bisherige Rhetorik vom Untergang des Abendlandes durch eine Regierungsbeteiligung der Grünen verschwindet völlig. Merkel verordnet eisern Stillschweigen, die kulturelle Distanz zwischen Unions- und Grünen-Politikern wird nicht mehr erwähnt. Dafür betont die frühere Umweltministerin ihre ökologische Seite. Zudem erinnern Unions-Politiker in Interviews geschickt an die "Pizza-Connection" junger Abgeordneter. Es habe sich doch gezeigt, "dass sich die Zeiten längst geändert haben", meint etwa der CDU-Abgeordnete Eckhart von Klaeden.

In der Union wird hinter den Kulissen knallhart kalkuliert: Schafft es Merkel, ein solches Bündnis hinter sich zu sammeln, sieht die Wahl nicht mehr wie eine Niederlage, sondern eher wie ein Aufbruch zu neuen Ufern aus. Endlich sind die Konservativen nicht mehr nur auf die FDP als Koalitionspartner angewiesen. Was nicht offen erwähnt wird: Merkels innerparteiliche Gegner spekulieren darauf, dass eine "Jamaika-Koalition" nicht sonderlich stabil sein wird - und das Kapitel Merkel deshalb bald erledigt sein dürfte.

In mehreren Telefonaten bittet Merkel jedenfalls den FDP-Chef Guido Westerwelle, seinen Widerstand gegen eine solche Koalition aufzugeben. "Es wäre kein Verrat, Guido, das Land braucht Euch", mahnt sie ihn. Westerwelle schwankt zunächst, lässt sich dann aber von dem Argument überzeugen, dass die Grünen in einer Koalition zweier bürgerlicher Parteien unter Kontrolle gehalten werden können. Tatsächlich gibt es erhebliche Übereinstimmungen zwischen beiden kleinen Parteien etwa in der Innen- und Außenpolitik.

In knapp zwei Wochen bringt Westerwelle die zunächst durch den Kurswechsel verunsicherten Liberalen auf Kurs. Ein wichtiges internes Argument lautet dabei: Sollte es wirklich zu keiner Regierungsbildung kommen, dann würde gerade die FDP bei den dann drohenden Neuwahlen abgestraft. "Guido, mach es", drängt ihn deshalb nach einer Schamfrist auch Rainer Brüderle.

Bei den Grünen leitet Fischer den überraschenden Wechsel ein. Sicher, er selbst steht nicht mehr für ein Merkel-Kabinett zur Verfügung. Aber zum einen stört das einige ehrgeizige Parteifreunde wie Reinhard Bütikofer und Renate Künast wenig. Hinter den Kulissen hat Merkel ihnen längst einen attraktiven Kabinettsposten angeboten. Dafür muss der Alt-Linke Jürgen Trittin weichen. Zum anderen sitzt der Groll auf Bundeskanzler Schröder bei den Grünen tiefer als vermutet - dort hatte man die vorgezogene Neuwahlen abgelehnt.

Wichtig für den Schwenk ist aber auch bei den Grünen eine strategische Überlegung: Wenn es die Ökopartei schafft, eine Koalition mit der Union einzugehen, wäre sie aus der Abhängigkeit von den Sozialdemokraten befreit. Gute Voraussetzung für den Kampf um einen Platz in der Mitte der Parteien. Sicher, in der Folge probt ein Teil der Grünen den Aufstand. Die Linke und auch der direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele rebellieren. Einige Abgeordnete verlassen sogar die Fraktion. Aber die "Realos" behalten die Überhand - und verzichten vorerst auf einen Parteitag. Nachdem Paul Kirchhof nicht mehr der Regierungmannschaft angehört, plädieren nun auch grüne Feministinnen dafür, erstmals eine Kanzlerin zu wählen. Die schwarz-gelbe-grüne Mehrheit für Angela Merkel steht.

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