Kommentar
Air-Berlin-Chef ohne Ideen

Etihads neue Finanzspritze ist keine Lösung für Air Berlin. Vorstandschef Prock-Schauer weiß nicht weiter. Der Einsatz eines Managers für die Umstrukturierung wirkt wie ein Eingeständnis der eigenen Ratlosigkeit.
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Die Gerüchteküche um Air Berlin brodelte wochenlang. Die Ausgangsfrage lautete stets: Wie kann die deutsche Fluggesellschaft neues Geld vom Großaktionär Etihad erhalten und dabei ihren Status als europäisches Unternehmen behalten? Was nach vielen bangen Tagen und zwei verschobenen Bilanzvorlagen nun verkündet wurde, ist aber kein großer Wurf.

Die am Sonntagabend bekannt gemachte Finanzspritze von Etihad ist der x-te Neustart für Air Berlin. Besonders pikant bei der Sache: Vorstandschef Wolfgang Prock-Schauer hat im Zuge der Etihad-Lösung angekündigt, dass er sich nach gut einem Jahr im Amt einen neuen Vorstand an die Seite holt. Er soll das wichtigste Projekt der Fluggesellschaft anschieben: ein Geschäftsmodell fürs Überleben suchen. Dieser ungewöhnliche Schritt wirkt wie ein Eingeständnis, dass Prock-Schauer selbst keine Ideen mehr hat.

Der neue Krisenmanager Marco Ciomperlik jedenfalls hat eine heikle Aufgabe. Denn ein neues Geschäftsmodell zu finden, scheint fast unmöglich. Zu chronisch schreibt Air Berlin Defizite.

Auch die jetzige Vereinbarung ist nicht mehr als eine kleine Lösung. Wobei Lösung schon zu viel gesagt ist. Denn dass mit den 300 Millionen Euro von Etihad und den mindestens 150 Millionen Euro, die eine Unternehmensanleihe einbringen soll, der Turnaround gelingt, ist mehr als fraglich. Legt man den operativen Verlust von gut 316 Millionen Euro aus 2013 zu Grunde, könnte das frische Geld schon bald wieder aufgebraucht sein.

Denn auch ein neues Geschäftsmodell, das der neuer Restrukturierungsvorstand zusammen mit einer Beratungsgesellschaft jetzt entwickeln soll, wird Geld kosten – in der Entwicklung und erst recht in der Zeit danach. Auch das bisherige Sparprogramm „Turbine“ gab es nicht zum Nulltarif.

Eigentlich gibt es für Air Berlin nur einen Weg: Etihad übernimmt Air Berlin komplett und macht das Unternehmen zur Zubringergesellschaft. Die Deutschen würden dann den Arabern ihre Flüge in Richtung Abu Dhabi füllen und die ihnen zugedachte Rolle im Etihad-Netzwerk ausfüllen. Verluste wären dann egal, sie würden schlicht einkalkuliert. Doch hier spielen die Regeln des internationalen Luftverkehrs und mit ihnen das Luftfahrt-Bundesamt nicht mit. Ausländische Investoren dürfen nicht mehr als 49,9 Prozent an einer europäischen Airline besitzen, denn sonst verliert diese ihre außereuropäischen Flugrechte. Air Berlin müsste den Betrieb runterfahren – und wäre für Etihad nahezu wertlos.

Ohne eine Aufweichung dieser Regeln wird Air Berlin wohl nicht viel mehr bleiben als der reine Überlebenskampf. Die wird nicht zuletzt der große Konkurrent Lufthansa zu verhindern wissen. Air Berlin könnte schon bald die nächste Finanzspritze benötigen.

Tobias Döring, Redakteur Unternehmen, Handelsblatt Online
Tobias Döring
Handelsblatt / Chef vom Dienst

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