Kommentar: Als Diplomat gescheitert

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Als Diplomat gescheitert

Börsenchef Reto Francioni ist nach der geplatzten Börsenfusion angeschlagen. Gehen muss er nicht.
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Die gescheiterte Fusion bringt den Chef der Deutschen Börse Reto Francioni in Erklärungsnot. Er hat seit mehr als einem Jahr auf diese Fusion hingearbeitet. Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, dafür zu werben. „Immer mehr unserer Kunden sind global, und deshalb müssen auch Börsenbetreiber global aufgestellt sein." Das sind seine Worte. Nun ist der Traum geplatzt. Damit ist Francioni aber nicht am Ende.

Der Schweizer muss sich vorwerfen lassen, dass er die Stimmung, die in der Wettbewerbskommission herrscht, falsch eingeschätzt hat. Dort ist niemand gut auf Finanzdienstleister zu sprechen. Im Fall der Landesbanken hat Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia so lange Druck auf Deutschland ausgeübt, bis die bis dahin unzerstörbar scheinende West LB schließlich zerschlagen wurde. Im Fall der Börse hat er den gleichen Reflex und wollte, dass der Konzern gar nicht erst zu einer noch relevanteren Größe wächst, die ihm einmal Schwierigkeiten bereiten könnte. Francioni hätte das vorfühlen können. Aber dazu war der Schweizer in Brüssel offenbar zu schlecht verdrahtet. Als Diplomat und Mittler zur Politik hat er nicht das Händchen bewiesen, das sich die Aktionäre von ihm erhoffen durften.

Das reicht aber nicht, um seinen Kopf zu fordern. Wer Francioni kennt, weiß, dass er ein harter Arbeiter ist. Einer, der ein Ziel hat, dass er nicht aus den Augen verliert. Dafür wird er von seinen Kollegen geachtet, manchmal auch als sturer Kopf verschrien. Die Fusion war sein Baby, aber sie war nicht sein Ziel. Das nämlich ist viel einfacher. Es heißt, das Unternehmen Börse voranzubringen. Das Unternehmen, das wie jedes andere auch durch Wettbewerber, technischen Fortschritt und Konjunkturschwankungen hin- und hergeworfen wird, dennoch wachsen zu lassen. Das Ziel heißt auch, Kunden ein gutes Angebot zu machen, damit Geld zu verdienen und den Mitarbeitern einen Arbeitsplatz zu sichern. Dafür wäre die Fusion nützlich gewesen, zwingend war sie nicht.

Deswegen geht es jetzt mit Francioni und ohne Fusion weiter. Francioni unterscheidet sich da von seinem Vorgänger Werner Seifert, der nach einem gescheiterten Versuch die Londoner Börse zu übernehmen, den Rückhalt bei wichtigen Aktionären verloren hatte und gehen musste. Francioni, der Machtmensch, hat dagegen peinlich darauf geachtet, dass er nicht mit solchen Aktionären umgehen muss, die ihm am Ende gefährlich werden können.

Seine Macht wird er deswegen so schnell nicht abgeben. An Stelle der großen Fusion werden nun viele kleine Kooperationen treten, Francioni wird die Computersystem aufrüsten und versuchen, dies mit immer weniger Mitarbeitern umzusetzen. Ein großer Wurf wie die Fusion mit New York ist das nicht. Aber auch kleine Schritte führen in der Summe zum Ziel, den Platz der Börse im globalen Wettbewerb zu sichern.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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