KOMMENTAR
Alte Rezepte oder neuer Mix

Man traut seinen Ohren nicht: Präsident George W. Bush fordert die Amerikaner zum Energiesparen auf. Plötzlich ist von Fahrgemeinschaften die Rede, als hätten die Bush-Leute einen Crashkurs in grüner Umweltpolitik absolviert.

Der Präsident hat erkannt, dass die stark gestiegenen Preise für Benzin, Heizöl und Gas der Binnennachfrage einen gefährlichen Dämpfer versetzen könnten. Das im September eingebrochene Verbrauchervertrauen zeigt, dass sich viele US-Bürger Sorgen machen über die Folgen der Wirbelstürme und der globalen Verknappung. Dennoch wird Bush nicht so bald die Losung „Strickjacke an, Heizung runter“ ausgeben. Das passt weder zur Ideologie des früheren Ölmannes aus Texas noch zum amerikanischen Lebensgefühl: Hoher Energieverbrauch wird als quasi verfassungsmäßig garantiertes Recht begriffen. Zudem weiß Bush, dass Pessimismus in den USA politisch kontra-produktiv ist. Das musste Jimmy Carter erfahren, dessen düstere Sparappelle während der Ölkrise Ende der 70er-Jahre zu einem Abwärtsstrudel in den Umfragen führten. Bushs Aufruf kündet noch nicht von einer energiepolitischen Wende. Die ersten Reaktionen aus der republikanischen Regierungspartei setzen eher auf das alte Rezept: Die Abgeordneten drängen darauf, neue Ölfelder zu erschließen und Raffinerien zu bauen. Mit ein paar zusätzlichen Fabriken und Pipelines ist der US-Wirtschaft, die 60 Prozent ihres Ölbedarfs aus Importen decken muss, allerdings mittelfristig nicht geholfen. Interessanterweise bringt die amerikanische Autoindustrie frischen Wind in die Diskussion. So haben Ford und General Motors einen Paradigmenwechsel weg vom Öl und hin zum Wasserstoff gefordert. Beide wollen künftig verstärkt Hybridfahrzeuge entwickeln. Bush sollte die Anregung aufnehmen. Sparen als Teil des Energiemixes und mehr politischer Druck für Benzin sparende Modelle sind überfällig. Das wäre für die Konsumenten zunächst schmerzlich und geht nur auf lange Sicht. Wenn sich jedoch nichts ändert, wird aus der Energie- eine Wirtschaftskrise.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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