Kommentar
Anarchie beim Nachbarn

Frankreich brennt. Seit zwei Wochen lebt das Land nun schon in einer Art Ausnahmezustand und fragt sich erschrocken, wie es dazu kommen konnte. Es ist dieselbe Frage, die sich viele Engländer in Birmingham gestellt haben, als es auch dort zu gewaltsamen Ausschreitungen kam, und die ein gutes Jahr nach dem Attentat auf Theo van Gogh immer noch viele Niederländer beschäftigt: Woher rühren der plötzliche Hass und die Gewalt in den Städten, die sich unter ausländischen Jugendlichen so unvermittelt Bahn brechen?

Eine Antwort darauf geben die Randalierer und Chaoten in Frankreich durchaus: An eine Zukunft im Land von Liberté, Egalité und Fraternité glauben die wenigsten von ihnen. Schon gar nicht an das hohle Credo der früheren Kolonial- und heutigen Einwanderungsländer, mit dem bisher auch in Großbritannien jede spezielle Integrationspolitik abgeblockt wurde. Immer hieß es dort nicht ohne Pathos, es gebe keine Ausländer, sondern nur gleichberechtigte Bürger.

Spätestens jetzt ist aber klar: Ein gleicher Pass und die gleiche Sprache reichen bei weitem nicht aus, um erfolgreiche Einwanderungspolitik zu betreiben. Zurzeit prallen in Frankreich zwei Welten aufeinander, die sich nur mehr wenig zu sagen haben. Und eine immer noch fest gefügte Klassengesellschaft begegnet jungen Ausländern mit offener Verachtung. Sie werden nicht nur ethnisch diskriminiert, sondern auch räumlich und sozial ausgegrenzt.

Was bedeutet das alles für Deutschland? Auch wir haben unsere Erfahrungen mit Jugendgewalt bei den Chaostagen in Hannover und den Kreuzberger Nächten rund um den 1. Mai. Doch auch wenn gestern bereits in Berlin und Bremen die ersten Autos brannten, zu einem anarchischen Flächenbrand unten jungen Ausländern ist es bei uns noch nicht gekommen. Noch schaffen wir es, trotz vieler Versäumnisse, Immigranten in der Mitte unserer Gesellschaft zu halten. Doch der Grat wird schmaler. Erst vor wenigen Tagen hat die Pisa-Studie wieder einmal gezeigt, dass Kinder aus Einwandererfamilien alles andere als gute Chancen in unserem Bildungssystem haben. Seit den Brandnächten von Paris wissen wir, was auf dem Spiel steht.

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