Kommentar
Angela Merkel wechselt die Seiten

Der Mahner ohne Macht, Jens Weidmann, steht bald ganz alleine da. Denn auch die Bundeskanzlerin schlägt sich immer mehr auf die Seite von Draghi. Doch sein Plan kann ein unkontrollierbares Ende nehmen.
  • 46

Als Angela Merkel kürzlich im Fernsehen nach ihrer Unterstützung für Jens Weidmann gefragt wurde, versicherte sie, dass der Bundesbank-Chef "möglichst viel Einfluss innerhalb der Europäischen Zentralbank (EZB)" haben sollte. Nun erfahren wir, dass Weidmann zur selben Zeit über einen Rücktritt nachgedacht hat, weil sein Einfluss auf den Rettungskurs der EZB gegen null tendiert. Ein Missverständnis? Wir wissen es nicht. Die Kanzlerin hat es sich entweder anders überlegt, oder ihre Rückendeckung für Weidmann war nicht ganz so ernst gemeint.

Merkel hat sich im Ringen um den richtigen Ausweg aus der Euro-Krise auf die Seite von EZB-Chef Mario Draghi gestellt. Dafür spricht nicht nur, dass die Kanzlerin neuerdings viel und laut über das harte Los der Menschen in den Schuldenländern sinniert. Sondern auch, dass sie die jüngsten Rettungspläne Draghis ausdrücklich lobt.

Der Italiener bastelt gerade an einem neuen Ankaufprogramm für Staatsanleihen aus den Schuldnerländern, dessen Einzelheiten am Donnerstag verkündet werden. Weidmann hält die verkappte Staatsfinanzierung durch die Notenbank für einen Irrweg, ist damit aber sowohl in der EZB als auch in der Politik weitgehend isoliert. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die Bundesbank, die von der deutschen Politik bei der Gründung des Euros als Vorbild für die EZB durchgesetzt wurde, nun von der neuen Achse Merkel/Draghi kaltgestellt wird.

Weidmann hat sich inzwischen mit seiner Rolle als Mahner ohne Macht abgefunden. Nach den Abgängen von Axel Weber und Jürgen Stark würde vermutlich auch der dritte Rücktritt eines deutschen Notenbankers Merkel und Draghi nicht zur Umkehr bewegen. Außerdem: Sollte der Euro doch noch zerbrechen, so mag sich Weidmann denken, hätte zumindest die Bundesbank im folgenden Chaos ihre Glaubwürdigkeit bewahrt.

Dieses Schreckensszenario hat Merkel vor Augen und treibt sie zum Seitenwechsel. Will sie die Euro-Zone stabilisieren, hat sie kaum noch Alternativen. Für weitere Rettungspakete fehlt ihr die politische Mehrheit. In eine von Brüssel regierte "Politische Union" mögen ihr weder die Deutschen noch die anderen Europäer folgen. Wenn sie den Euro aus Überzeugung und Kalkül (die Kosten eines Scheiterns wären gigantisch) retten will, ist sie auf Draghi und dessen Ankaufprogramm ohne Limit angewiesen. Dass damit die Grenzen zwischen Geld- und Finanzpolitik vollends verwischen und die Unabhängigkeit der EZB beschädigt wird, nimmt sie in Kauf.

Seite 1:

Angela Merkel wechselt die Seiten

Seite 2:

Der EZB könnte das Ruder entgleiten

Kommentare zu " Kommentar: Angela Merkel wechselt die Seiten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Was nützt es, an „schöne Theorien „festzuhalten, wenn die bisherigen Maßnahmen nicht dazu beigetragen haben, die Krisen zu lösen, sondern eher noch verschärfen. Solange die Ursachen nicht bekämpft werden, sind alle sog. Hilfsmaßnahmen reine Geldverschwendung. Das Übel muss endlich an der Wurzel gepackt werden, und das mit Sicherheit nicht die kleinen Länder, die angeblich alle „Betrogen haben sollen“? Sondern die sog. Finanzmärkte die man zuviel Macht gegeben hat. Solange die Finanzmärkte nicht massiv reguliert werden, wird weiterhin gegen Länder spekuliert. Wie sagte schon Roosevelt: „ vom organisiertem Geld regiert zu werden, ist genauso schlimm, wie vom organisiertem Verbrechen regiert zu werden. Aber Deutschlands Ideologen, und Stammtisch Ökonomen, halten an ihren längst überholten Strategien fest. Obwohl das Brünningsche Spardiktat ins Desaster führte, trotzdem wird weiterhin daran festgehalten. Das bedeutet, dass die sog. Finanzmärkte, die Politik weiterhin vor sich her treiben, und nach Gutsherrenart entscheiden. Deutschland in großen Teilen hat bis heute noch nicht verstanden oder will es nicht verstehen, Europa bedeutet entweder profitieren alle, oder es verlieren alle. Es kann nicht angehen, dass die einen sich die Rosinen (den Export) herauspicken, und dann alles in der Eurozone niederkonkurrieren, und sich jetzt beschweren, wenn die kleinen Länder, die sich ja nicht mehr wehren können, in Schwierigkeiten stecken. Statt aber das Übel an der Wurzel zu packen und endlich die sog. Finanzmärkte massiv zu regulieren, und die Handelsungleichgewichte zu beseitigen, wird gegen kleine Länder gehetzt, die den geringsten Anteil an dieser Krise haben.

  • Egal, ob nun geklaut oder nicht. RICHTIG ist es in jedem Fall!

  • Zur Inflation wird es dann kommen, wenn die Menschen merken, dass die Geldmenge gigantisch wächst, die vorhandenen Güter, die man damit kaufen kann, aber nicht.
    Das Deflationsgespenst hört man doch schon seit Jahren. Und jetzt komm mir keiner mit Japan - das passt hier nämlich nicht.
    Den hoch verschuldeten Staaten (natürlich einschl. Deutschland) ist eine wabernde Inflation doch sehr recht. Die einzige Möglichkeit, den Schulden halbwegs Herr zu werden, ohne echte Verantwortung zu zeigen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%