Kommentar
Athen bewegt sich in die richtige Richtung

Im jüngsten Reformranking der OECD liegt Griechenland weit vor Deutschland und der Schweiz. Zwar ist auch der Reformbedarf in Griechenland besonders groß. Doch die Statistik zeigt, dass sich in Griechenland etwas bewegt.
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Eine Schicksalswoche für die Griechen, wieder einmal. Das hat man in den beiden zurückliegenden Krisenjahren zwar schon oft gehört, aber diesmal geht es wirklich um alles: Mit dem geplanten Schuldenschnitt, über den bis Donnerstagabend entschieden wird, steht oder fällt das von der EU geschnürte Rettungspaket. Bleiben die neuen Hilfskredite aus, ist Griechenland in wenigen Tagen pleite.

Manche griechische Politiker trösten sich noch mit der Hoffnung auf einen Rettungsplan B: Die EU werde eine Staatspleite in letzter Minute doch noch abwenden, so die Erwartung. Aber das könnte sich als Illusion erweisen. Griechenland wird nicht um jeden Preis gerettet. Was noch vor einigen Monaten politisch undenkbar schien, ist kein Tabu mehr. Eine griechische Insolvenz, sogar ein Ausscheiden des Landes aus der Euro-Zone und der EU sind zwar politisch und ökonomisch nicht wünschenswert, gelten inzwischen aber als beherrschbar. Die Währungsunion würde wohl erschüttert, aber daran nicht zerbrechen.

Das ist eine gute Nachricht für kriselnde Euro-Staaten wie Spanien, Italien und Portugal, die noch vor wenigen Monaten fürchten mussten, in den Strudel einer Griechenland-Pleite gesogen zu werden. Für die Griechen ist es aber eine eher beunruhigende Perspektive. Mehr denn je sind sie jetzt auf sich selbst gestellt. Wenn Griechenland wieder wettbewerbsfähig werden, die Rezession hinter sich lassen und seinen Platz in der Euro-Zone nachhaltig sichern will, braucht es tiefgreifende Reformen. Viele Strukturen der griechischen Wirtschaft stammen aus den 1950er-Jahren und erinnern an die Verhältnisse in der früheren DDR. Hinter diesem verkrusteten Gefüge stehen handfeste wirtschaftliche und politische Interessen. Das macht die Modernisierung des Landes so mühsam. Vieles scheint sich nur im Schneckentempo zu bewegen. Das Land sei unfähig zu Reformen, so könnte man meinen.

Doch dieser Eindruck täuscht. In einer kürzlich veröffentlichten Statistik der Pariser Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erscheint Griechenland als Reformchampion. Bei der Umsetzung der OECD-Empfehlung für wachstumsfördernde Strukturreformen belegt Griechenland im Zeitraum 2008 bis 2011 unter den 34 Mitgliedstaaten der Organisation den ersten Platz.

Diese Führungsposition verdanken die Griechen allerdings dem Umstand, dass sie einen besonders großen Nachholbedarf haben. Deutschland, die Schweiz und Luxemburg liegen deshalb in der OECD-Reformstatistik auf den letzten Plätzen, denn sie haben die meisten Maßnahmen bereits in früheren Jahrzehnten umgesetzt. Griechenland begann dagegen erst unter dem Druck der Krise, Reformen anzugehen. Die Agenda, die es abzuarbeiten gilt, ist zwar lang, und das Ziel liegt noch in weiter Ferne. Aber die OECD-Statistik widerlegt den Eindruck, dass sich nichts bewegt. Griechenland ist unterwegs. Das berechtigt immerhin zur Hoffnung.

Der Autor ist erreichbar unter: hoehler@handelsblatt.com

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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  • Nach Angaben der FT Live-Blog:

    http://blogs.ft.com/the-world/ ...

    es gibt schon ein grauer Markt in den neuen griechischen Anleihen und indikativen Quotes sind rund 17 bis 28 Cent auf den Euro, Renditen von 17 bis 21%.

    Mit anderen Worten, ist der Konsens der Beteiligten, dass Griechenland sehr wahrscheinlich wieder Standard ist.

  • "Das ist eine gute Nachricht für kriselnde Euro-Staaten wie Spanien, Italien und Portugal, die noch vor wenigen Monaten fürchten mussten, in den Strudel einer Griechenland-Pleite gesogen zu werden. Für die Griechen ist es aber eine eher beunruhigende Perspektive." - klar doch, Herr Höhler, denn die Griechen haben mit ihrer Haltung, die alles andere als eine Reformbereitschaft bedeuten, und auch Sie bringen ja nicht einen einzigen Beweis, den ESFS gestärkt und eine rasche Installation des ESM als dauernden Rettungsschirm ohne Betragsbegrenzung und einem Fiskalpakt, den ohnehin niemand einhalten kann und auch nicht wird, den anderen PIGS-Staaten signalisiert: Seht her, es geht auch ohne Reformen, man muß nur entschieden das Erneuerungstheater mitspielen. Darüber hinaus werden auch alle Großvermögensbesitzer Europas und Amerikas froh sein, daß es statt einer Abwertung ihrer Vermögen eine Dauerbelastung des europäischen Steuerzahlers geben wird, solange der noch die benötigten Mittel hat.

  • Was will uns sieser Artikel sagen?

    Ganz einfach. Die hochprozentigen Fortschritte GR sind gestiegen von SUPER - GROTTENSCHLECHT auf GROTTENSCHLECHT.
    Und das alles auf dem Buckel des kleinen Mannes, dem die GR Pesse genau sagt, wo der Feind sitzt.

    Schönen Tag noch.

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