Kommentar
Au revoir Euronext

Die Wahrheit ist bitter, aber wir müssen sie neidlos respektieren: Die Vierländerbörse Euronext und die Londoner Börse LSE befinden sich ziemlich fest in amerikanischen Händen.

Der letzte von vielen Versuchen der Frankfurter Börse, in London oder Paris als Partner zu landen und so die führende Börsenplattform Europas als Gegengewicht zu den großen US-Börsen zu schaffen, ist gestern gescheitert, auch wenn natürlich immer noch nicht alle Türen verschlossen sind. Doch wer nach dem klaren Votum von Aktionären und Management jetzt noch hofft, dass Nyse oder Nasdaq mit ihren Europa-Plänen ins Leere laufen könnten, gibt sich Illusionen hin.

Das Spiel ist aus, wir Deutschen haben verloren, wir sollten das Bietergefecht verlassen. Jeder neue deutsche Anbiederungsversuch bei Euronext und der Londoner LSE wäre peinlich und viel zu teuer. Frankfurts Börsenchef Reto Francioni sollte sich jetzt schnell darauf besinnen, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. Das heißt: das eigene, glänzend laufende Geschäft weiter stärken, für die Kunden, Banken und Investoren noch besser und billiger werden und in neue Bereiche der sich rasant weiterentwickelnden Finanzmärkte vorstoßen. In dieser Beziehung ist Frankfurt den Wettbewerbern in der Tat überlegen, auch den Amerikanern. Auch die Partnersuche sollte weitergehen – im Süden, Osten und Norden Europas.

Das alte Ziel, der amerikanischen Übermacht auf den Weltfinanzmärkten eine valide europäische Alternative entgegenzustellen, gilt heute mehr denn je. Wer an die Zukunft eines eigenständigen europäischen Finanzplatzes glaubt, wer einen EU-weit harmonisierten, grenzüberschreitenden Wertpapierhandel will, der sich nicht den Gesetzen des US-Finanzmarktes ausliefert, der muss auch an einer starken europäischen Börsenplattform interessiert sein. Als eine Art Cluster für die Produkthersteller, als Know-how-Träger und natürlich als hochwertiger Arbeitgeber.

Die Frage, wie es zum Abblitzen Frankfurts bei Euronext und vorher bei der LSE kommen konnte, dürfte noch heftig diskutiert werden. Der gefeuerte Ex-Börsenchef Werner Seifert steht mit seiner raubeinigen Vorgehensweise bei der Partnersuche als Schuldiger ganz oben auf der Liste. Sein Nachfolger Reto Francioni, ganz der stille Diplomat und Stratege, muss sich allenfalls für taktische Fehler kritisieren lassen. Er kam schlicht zu spät.

Beide litten unter dem Handikap, dass die Deutsche Börse für London und Paris leider nicht die erste Wahl ist. Die amerikanische Braut gilt als hübscher, reicher und mächtiger. Und sie kam zur rechten Zeit, um das aufdringliche deutsche Mauerblümchen auf Distanz zu halten. Mögen sie also glücklich werden, diese beiden transatlantischen Fernbeziehungen.

Die Frage, ob auch andere Motive hinter der Ablehnung des deutschen Angebots durch die Franzosen stehen, bietet reichlich Raum für Spekulationen. Offenkundig wollen die Franzosen keine Fusion mit Haut und Haaren, wie sie die Deutsche Börse plante. Die New Yorker Offerte scheint die Erwartung zu nähren, die Eigenständigkeit von Euronext könnte weitgehend intakt bleiben. Man muss kein Prophet sein, um zu vermuten, dass dies eher Wunsch als Wirklichkeit sein wird.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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