Kommentar
Auf Biegen und Brechen

Eine neue Verfassung soll den Irak einen. Doch schon ihr Entwurf spaltet das Land: Die Sunniten glauben, nur ein starker Zentralstaat schütze den Irak vor dem Zerfall. Schiiten und Kurden sehen es genau andersherum: Einzig ein föderaler Irak könne die unterschiedlichen Interessen überhaupt noch in der Balance halten. Konträrer kann man in einer Schlüsselfrage des Landes kaum argumentieren.

Und dies betrifft nicht nur die Diskussion um den künftigen Staatsaufbau des Iraks. Ähnlich widersprüchlich verlaufen die Frontlinien bei anderen Themen: der Rolle des Islams, dem Umgang mit der Vergangenheit, der Verteilung der Öleinnahmen. Es gibt viele Ursachen für diese Zerrissenheit: Da ist zum einen der künstlich geschaffene Zeitdruck durch den engen amerikanischen Terminplan. Da ist die Tatsache, dass die Sunniten den Wahlen im vergangenen Januar zu weiten Teilen fernblieben und sie seitdem auf die Gnade von Schiiten und Kurden angewiesen sind.

Und schließlich ist da auch die Furcht der Sunniten, in einem von den Schiiten majorisierten Irak am Ende unterzugehen. All dies sind gute Gründe. Gründe, die normalerweise ausreichen, eine Verfassungsdiskussion auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Doch nichts ist normal im Irak. Die USA wollen inzwischen vor allem eines: Fakten schaffen. Wenn schon die militärische Befriedung des Landes nicht gelingt, dann soll wenigstens politischer Fortschritt vorzeigbar sein. Dafür ist Washington offenbar sogar bereit, eine schiitisch-iranische Dominanz in Kauf zu nehmen. Wie groß der Grad der Verzweiflung über die Lage im Irak im Weißen Haus sein muss, lässt sich daran gut ablesen.

Aber auch Kurden und Schiiten scheinen inzwischen entschlossen, gegen die Sunniten ihre Verfassungsidee durchzupauken. Vor dem historischen Hintergrund jahrzehntelanger Unterdrückung durch die Sunniten ist diese Haltung nachvollziehbar. Weise indes ist sie nicht.

Eine schlechte Verfassung ist besser als gar keine? Falsch. Das wäre ein weiterer Geburtsfehler des neuen Iraks. Das Land würde darunter leiden, immer wieder.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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